Herford. "Ich find’s hier ja echt ein bisschen kalt", sagt Wiebke Klein. Sie steht gerade mitten in der 30 Grad warmen Innenstadt. Zwei Jahre lang lebte die 22-Jährige in den schwüleren Gefilden Australiens, erst seit zwei Wochen ist sie wieder in Herford.
Eigentlich wollte sie nur ein bisschen ihr Englisch verbessern. In einem Auslandsjahr nach dem Abitur. Wie so viele Jugendliche. Doch aus den zwölf Monaten mit dem "Work-and-Travel"-Visum wurden dank einer Ausnahmeklausel 24.
Und für Wiebke Klein änderte sich vieles: Sie spricht inzwischen nicht nur wie angestrebt gutes Englisch, sondern sogar so gutes, dass ihr mitten im Gespräch nur die englische, aber nicht mehr die deutsche Vokabel einfällt. "Ich bin selbstbewusster geworden", sagt sie. "Selbstständiger. Nach so langer Zeit wieder bei Mama einzuziehen, fühlt sich schon komisch an – und nervt auch ein bisschen", sagt sie und grinst.
Ihr ständiger Begleiter in "Down Under" am anderen Ende der Welt war nur ein weißer Ford Camper mit vielen kleinen, aufgeklebten Sternen. Alles andere wechselte: Die Wohnorte, die Jobs, die Begleiter und Freunde. Wiebke startete in Melbourne als Au-Pair bei einer Familie mit vier Kindern.
Das war ein Job, den sie lieber nicht nochmal machen würde: "Es war sehr anstrengend, ich hatte kaum Zeit für mich und vom Land habe ich überhaupt nichts mitgekriegt", sagt sie. "Aber dafür habe ich so viel verdient, dass ich mir meine ausgedehnten Reisen und meinen tatterigen Ford Camper kaufen konnte."
So fuhr sie von Melbourne bis Adelaide, dann quer durch die Wüste nach Alice Springs, auf der Ocean Drive Road die Westküste entlang. Schließlich blieb sie während der Regenzeit im nördlich gelegenen Broome hängen. Das Geld war alle. "Doch in Australien ist es leicht, einen Job zu finden", sagt Wiebke Klein.
Drei zur gleichen Zeit hatte sie in Broome: als Kellnerin, Putzhilfe und als Aushilfe bei einer Fast-Food-Kette. In dem Städtchen hatte sie endlich Zeit, auszugehen, fand Freunde und blieb mehr als ein dreiviertel Jahr. "Die wenigen Tage seit meiner Rückkehr nach Herford, fühlt es sich an, als sei ich hier zu Besuch. Noch ist Broome meine Heimat", sagt sie und klingt ein bisschen wehmütig.
Was sie vermisst? "So viele Dinge. Es ist ungewohnt, hier wieder alles ordentlich zuzuschließen, ich verwechsle immer noch die Hebel für Scheibenwischer und Blinker, die in Australien genau andersherum montiert sind. Außerdem sind die Menschen in Australien so unglaublich hilfsbereit", sagt sie und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: "Sogar die Deutschen, die man dort trifft, sind viel netter, als sie es wären, wenn man sie in Deutschland träfe."
Nach zwei Jahren auf dem Kontinent, der vielen Menschen noch als nahezu paradiesischer Traumort erscheint, hat die 22-Jährige viele touristische Irrtümer abgelegt: "Anfangs dachte ich: Ach, von Melbourne kann ich ja auch mal schnell nach Sydney fahren", sagt sie. Dann wurde sie aber auf den schier endlosen, Straßen entlang grüner Landschaften eines Besseren belehrt.
Und auch über die Wappentiere des Kontinents freut sich Wiebke Klein nur noch bedingt: "Klar, als ich das erste Mal ein Känguru sah, hab ich mich total gefreut. Beim zweiten Mal auch und selbst beim dritten Mal habe ich sehr genau hingesehen", sagt sie.
Doch bald lernte sie die andere Seite kennen: Während die meisten Känguru-Arten in Rudeln auf den Straßen sitzen und davonhüpfen, wenn ein Auto kommt, sitzen die einzelgängerischen Wallabys am Straßenrand und hüpfen auf die Straße, sobald sie ein Auto heranbrausen hören.
Richtig heimisch wird sich Wiebke in Herford wohl nicht mehr fühlen. Sie packt schon wieder Koffer. Für Leipzig. Dort beginnt sie ihr Hotelmanagementstudium. Doch auch die westsächsische Stadt soll nicht die letzte Station sein: "Am liebsten will ich ganz auswandern. Auf jeden Fall fliege ich bald wieder mit einem Touristenvisum nach Australien. Schließlich war ich noch nicht mal in Sydney."