Herford/Buenos Aires. Während sich andere Menschen über klirrende Kälte zum Jahreswechsel beschweren, schwitzt Chantal Jurczik bei 30 Grad Celsius. Die 19-jährige Schülerin des Elisabeth-von-der-Pfalz-Berufskollegs lebt seit gut vier Monaten in Quilmes, einem Vorort der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Sie arbeitet dort als Freiwillige in einer Kindertagesstätte.
Ihr Arbeitstag beginnt um 11 Uhr mit einem Küsschen auf die rechte Wange aller Kinder und Kolleginnen. "Gleich zu Beginn ist mir die besondere Nähe der Erzieherinnen zu den Kindern aufgefallen", sagt Chantal. Damit gäben sie den Kleinen etwas zurück, das sie in ihren sozial benachteiligten Familien oftmals nicht bekommen: "Mein Papa hat mich gehauen" oder "Ich vermisse meinen Bruder - er ist seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen" sind oft zu hörende Sätze.
"Einige Kinder wohnen mit ihrer Familie in einer Hütte ohne Warmwasser und Abwassersystem", sagt Chantal. In manchen Familien gebe es außer Gewalt auch Drogenprobleme.
Nach einem sechsstündigen Arbeitstag mit Spielen, Singen und gemeinsamem Essen werden die ersten Kinder zwischen 16 und 17 Uhr wieder abgeholt.
"Dann habe ich auch mal Zeit, mit Einzelnen zu spielen oder etwas vorzulesen", sagt die junge Frau, deren Spanisch nach einem Vorbereitungskurs und nunmehr viermonatiger Praxis schon ganz gut ist. "Ich freue mich total darüber, dass ich von Tag zu Tag immer mehr verstehe und jetzt auch längere Unterhaltungen auf Spanisch führen kann", sagt Chantal.
Auch in ihrer Freizeit spricht sie mehr und mehr Spanisch. "Ich habe einen deutsch-argentinischen Freundeskreis und kann dort auf ,Castellano’ schon über Musik und Kultur diskutieren oder über Witze lachen." Chantal fällt auf, dass viele Freizeit-Aktivitäten in Argentinien erst spät in der Nacht beginnen. Ein "asado", ein argentinisches Grillfest, starte mitunter erst um 12 Uhr nachts und geht bis in den Morgen.
An Wochenenden trifft sich Chantal mit Freunden im Park, um einen "Mate", das bittere, tee-ähnliche argentinische Nationalgetränk, zu trinken und dabei zu plaudern. Am Sonntag besucht sie häufig einen der vielen Märkte, auf denen sie von Handarbeiten wie Schmuck oder Lederwaren bis Kleidung und Geschirr alles bekommt, was sie benötigt.
Ansonsten könne man jeden Konsumwunsch bei den "Fliegenden Händlern" in allen öffentlichen Verkehrsmitteln bekommen - von Süßigkeiten, über Getränke und Kreuzworträtselhefte, bis hin zu Handykarten und Haushaltswaren.
Apropos öffentliche Verkehrsmittel: "Es gibt keinen Busfahrplan - wenn der Colectivo nicht kommt, dann kommt er eben nicht - die Argentinier sind da total gelassen", erzählt Chantal. Als Alternative nehme man dann - zumindest in Buenos Aires - die "Subte", die U-Bahn, die aber fast immer hoffnungslos überfüllt ist.
"Meine argentinische Vorweihnachtszeit fand ohne Adventskalender bei 30 Grad Celsius mit einem sehr hohen Eiskonsum statt", erzählt Chantal. Ähnlich sieht’s auch jetzt im neuen Jahr aus. Bedingungen, über die mancher Ostwestfale derzeit glücklich wäre.