Theobald Robert Jäger lebt Jahrzehnte ohne Erinnerung: Vom Komapatienten zurück in den Alltag
Höxter. Es ist der Stoff, aus dem Hollywood seine spannendsten Filme macht. Der Held, schwer verletzt, wacht aus dem Koma auf und kann sich an nichts erinnern. Und er erkennt weder Frau noch Familie wieder. Auf der Leinwand nimmt das packende Drama um die fehlende Erinnerung seinen Lauf. Doch Theobald Robert Jäger erlebt diese Geschichte nicht als Kintopp, sondern als brutale Realität. Der ehemalige Physikstudent ist 25 Jahre alt, als seine Welt aus den Fugen geriet. Zu Hause in Höxter erleidet er eine massive Gehirnblutung, fällt fast drei Wochen ins Koma. Und als er aufwacht, kann er sich an nichts erinnern.
Seinen langen Weg zurück ins Leben hat Theobald Robert Jäger jetzt in einem Buch beschrieben. Unter dem Titel "Vom Sterben zurück" schildert der heute 52-Jährige seine Erfahrungen und Erlebnisse als "Mann ohne Gedächtnis". Es ist ein persönliches Buch, das die lange Suche nach sich selbst widerspiegelt. Ein Buch, das vielen anderen Mut macht und Hoffnung gibt.
Dass der ehemalige Koma-Patient überhaupt lebt und heute wieder berufstätig ist, grenzt an ein Wunder. Denn die medizinische Prognose ist im Mai 1982 vernichtend: Nur einer von 10.000 Patienten überlebt diese massive Blutung im Zentralgehirn. Doch der Höxteraner schafft es. Und erobert sich den "normalen Alltag" wieder zurück. Mit Mut, Ausdauer, Beharrlichkeit und durch viel Hilfe und Unterstützung seiner Frau, Familie, seiner Freunde und Kollegen.
Am Anfang ist alles weg. Keine Erinnerung an das Geschehene. Kein Zeitgefühl, kein Erkennen, keine Orientierung. Und was gerade passiert, ist im nächsten Moment wieder vergessen. Ist der Besuch gerade gekommen oder will er gerade gehen? Das Kurzzeitgedächtnis ist ausgelöscht. In der Rehabilitation muss Theobald Robert alles wieder neu lernen: sprechen, gehen, rechnen, lesen. "Manchmal wusste ich meinen Namen, manchmal auch nicht", berichtet Jäger.
Er fühlt sich wie ein Gefangener des Augenblicks, nicht mehr fähig, nur wenige gehörte Worte, einen bedeutenden Gedanken oder schöne Erlebnisse im Gedächtnis festzuhalten. "Ein Gefühl, wie wenn Menschen, Szenen, Worte und Begegnungen vorbeifliegen wie eine Landschaft beim Blick aus dem ICE beim Tempo 300", so Theobald Robert Jäger und ergänzt: "Eines ICE, der nur fährt, nie anhält und keine Chance, auszusteigen." Die Hölle für den einst so aktiven jungen Mann.Und seine Frau? Sie kommt ihm vertraut vor, er hat ihre Stimme schon mal gehört, sie gefällt ihm. Aber wer ist das? Und wer ist die Kleine, die manchmal mit dabei ist? Theobald Robert Jäger stellt sich viele Fragen, denkt darüber nach und hat es gleich wieder vergessen. Als ihm die junge Frau einen Ring an den Finger steckt, weiß er, das ist wohl meine Frau. Und sie gibt ihm Kraft, ermutigt ihn, erzählt ihm Vergangenes. "Du wirst wieder gesund", sagt sie und daran hält er sich. "Für mich gab es gar keine andere Möglichkeit, als zu helfen", erinnert sich Ute Jäger und ergänzt: "Schließlich haben wir uns geschworen: In guten wie in schlechten Tagen".
Durch viel Übung und Konzentration schafft der Höxteraner, sein Kurzzeitgedächtnis allmählich wieder zu aktivieren und Erlebnisse zu speichern. Monate später zu Hause bringt der Alltag neue Herausforderungen. "Kochen - ein Marathon-Gedächtnistraining." Denn wann hat er die Kartoffeln aufgesetzt, wann kommt das Fleisch in die Pfanne? Und wie kann er auf den kleinen Wildfang unter dem Tisch aufpassen, der immer mit ihm spielen will? Das Vergessen bleibt sein täglicher Begleiter. Höchste Konzentration ist gefragt, wenn Termine eingehalten werden müssen oder eine Fahrt von A nach B ansteht.
Vier Jahre nach dem Koma beginnt er wieder zu arbeiten, in der Ausbildung zum Fernmeldeassistenten damals noch bei der Deutschen Post. "Ein Supertraining für mich, aber auch ein Einstieg, der schwierig war", so Theobald Robert Jäger. Denn er kommt an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, seiner Konzentration. Aber die Kollegen helfen ihm. Und heute ist er Beamter im mittleren Fernmeldedienst bei der Telekom.
Doch der entscheidende Klick für sein Kurzzeitgedächtnis kommt erst Jahre später, genau 25 Jahre nach dem Koma. Im August 2007 besucht Jäger ein Möbelgeschäft in Kassel und kommt in dem unübersichtlichen Geschäft an einer Stelle vorbei, an der er kurz vorher gewesen ist. Und er erinnert sich genau an diesen Moment. "Auf einmal war er plötzlich wieder zurück - der Glanz des Augenblicks, der ihm so lange gefehlt hatte", beschreibt es Jäger in seinem Buch. Für den Höxteraner ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
Für Theobald Robert Jäger ist es heute, als wäre ein Märchen, ein Traum wahr geworden. Er hat eine intakte Familie, arbeitet wieder, trifft sich mit Freunden, joggt und ist Mitglied im Ruderverein. "Es ist eine Freude, zu leben", sagt er und lächelt.
Theobald Robert Jäger: Vom Sterben zurück, Leben ohne Erinnerung, Erfahrungen eines Koma-Patienten, Verlag Hartmut Becker, 160 Seiten, 14,80 Euro