Bremen/Paderborn (ddp). Was Gerrit Reichert herausgefunden hat, dürfte viele Bremer erschüttern. Der Journalist und Germanist will in umfangreichen Forschungen festgestellt haben, dass die berühmten Bremer Stadtmusikanten gar nichts mit Bremen zu tun haben.
Vielmehr, so behauptet er, hat das Grimmsche Märchen über Esel, Hund, Katze und Hahn seinen Ursprung in Ostwestfalen. Genauer gesagt in der Landschaft zwischen Paderborn und Höxter. Am Samstag (1. August) will Reichert diese spektakulären Forschungsergebnisse, die im Oktober auch als Buch erscheinen werden, in einem Vortrag erstmals der Öffentlichkeit vorstellen. Dabei gibt es auch Kritiker seiner Theorie.
Über ein Jahr hat der 44-jährige Bremer zu den Stadtmusikanten geforscht. Er hatte festgestellt, dass bislang kein Wissenschaftler sich die Mühe gemacht hat, die vorhandenen Indizien für eine exakte Verortung des Märchens zu überprüfen: "Ich bin da einfach mal mit der journalistischen Neugierde und unvoreingenommen herangegangen", sagt er.
Bekannt war, dass das Märchen von Freiherr August Franz von Haxthausen an die Brüder Grimm weitergegeben wurde, die diese dann mit dem handschriftlichen Zusatz "aus dem Paderbörnischen" 1819 in die zweite Auflage der "Kinder- und Hausmärchen" aufnahmen.
Bremer Stadtmusikanten waren nie in Bremen
Für Reichert, der alle Möglichkeiten überprüfte, ergab sich nun als wahrscheinlichste Variante Folgendes: Das Bremen in den "Bremer Stadtmusikanten" geht nicht auf die Hansestadt, sondern auf den fünf Kilometer nordöstlich des Schlosses von Haxthausen gelegenen "Bremer Berg" zurück. "Die Geschichte hat eine regionale Verankerung", ist er sich sicher. Der Name "Bremer Berg" sei wiederum durch den Handel und die christliche Missionierung, die früher von Bremen ausgingen, zu erklären.
Dass die Bremer Stadtmusikanten wohl nie in Bremen waren, hatten andere Forscher vor Reichert bereits herausgefunden. Bislang nahm man aber an, dass die Geschichte zumindest im Bremer Umland spielte. Dass das Märchen knapp 300 Kilometer weg von Bremen angesiedelt sein soll, wird man in der Hansestadt wohl nicht so einfach hinnehmen.
Schließlich kennt fast jeder in Bremen das berühmte Märchen der Gebrüder Grimm. Im Laufe der Jahre avancierten die musizierenden Tiere zu einem Wahrzeichen der Stadt. Jährlich kommen Tausende Touristen zu der Bronzestatue der Tiere am Rathaus. "Die Stadtmusikanten sind ein wichtiges und emotionales Symbol für Bremen", sagt auch der Geschäftsführer der Bremer Touristikzentrale, Peter Siemering.
Reicherts Theorie sorgt für Verwirrung
So wird Reicherts Theorie wohl für Verwirrung sorgen. War man in der Stadt also immer einer falschen Geschichte aufgesessen? Der renommierte Märchenforscher Heinz Rölleke hält dagegen. "Das ist doch 'Fantasie mit Schneegestöber' und hat mit Wissenschaft nichts zu tun", wirft er Reichert vor. Dass Bremen in der Grimmschen Form der im Mittelalter oft erzählten Geschichte vorkommt, geht seiner Ansicht nach eher auf einen Geniestreich des westfälischen Adeligen zurück.
Diesem war die Stadt Bremen als bürgerliche, evangelische Stadt ein Dorn im Auge. Um der Stadt zu schaden, fügte er in die Geschichte, die er an die Brüder Grimm weitergab, den Ort Bremen ein.
"Das war als Spott gedacht, dass in Bremen Musik wie von Tieren gemacht wird", sagt Rölleke. Die Brüder Grimm fielen darauf herein und übernahmen den Ortsnamen.
stehenden Code hier ein*: