Nieheim. Philipp Mißfelder - richtig, der mit den Hüftgelenken, die ab 85-Jährige nicht mehr ersetzt bekommen sollten - , "ist einer der ganz wenigen in der CDU, die sagen, was sie denken". So stellte Klaus-Dieter Leßmann, Kreisvorsitzende der MIT, den Bundesvorsitzenden der Jungen Union, der seit 1999 auch dem Bundesvorstand der CDU angehört und jüngstes Mitglied im Partei-Präsidium ist, auf der Wahlveranstaltung im Westfalen Culinarium in Nieheim vor und wünschte sich, dass es mehr von seiner Art gäbe.
Mit seiner jüngsten Äußerung zur Hartz IV-Anhebung für Kinder, die er als "Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie" bezeichnete, bewies Mißfelder, dass er sich nach wie vor nicht scheut, die Dinge, wie er sie sieht, beim Namen zu nennen. Und doch: Der von seinen Gegnern gern als "dickes Wunderkind der CDU" geschmähte Bundestagsabgeordnete ist erwachsen geworden.
Hinweise darauf lässt er in seiner Rede im Culinarium immer wieder einfließen. Und schlank ist er. 17 Kilo hat er abgenommen. Dass er sich auch anpassen kann, stellt er gleich zu Beginn der Veranstaltung unter Beweis. Kaum hat er sich erleichtert aufatmend das Jackett ausgezogen, zieht er es mit Blick auf die ungerührt nicht auf die Etikette pfeifende beschlipste Garde am Podium mit MdB und Bundestagskandidat Jürgen Herrmann, Nieheims Bürgermeister Johannes Kröling, dem Stellvertretenden MIT-Kreisvorsitzenden Walter Rieks und Klaus-Dieter Leßmann brav wieder an.
Die Hüftgelenksgeschichte hänge ihm nach, räumt er ein. Aber da sei er erst 23 Jahre alt gewesen. Mittlerweile kann er damit schon kokettieren, und indem er durch Taten Abbitte leistete, ist ihm sogar gelungen, politisch Kapital daraus zu schlagen. In diesem Wahlkampf tritt er fast immer im Doppelpack mit Otto Wulff, dem Vorsitzenden der Senioren-Union auf. Mit ihm hat er Anfang 2008 den Arbeitskreis "Zusammenhalt der Generationen" der CDU gegründet, der sich für ein Miteinander von Jung und Alt einsetzt.
Von der Agilität und vom Kampfgeist des 76-Jährigen schwärmt er geradezu. Ihn nimmt er auch als Aufhänger, um für ein hochgeschraubtes Renteneinstiegsalter zu werben. Dieses solle man nicht nur am Lebensalter festmachen, sondern auch an der Anzahl der Jahre, die jemand gearbeitet und in die Kasse eingezahlt habe. Rente ab 70 hält er für realistisch.
Vor einem Monat ist Philipp Mißfelder 30 Jahre alt geworden. Seit einer Woche ist er Vater einer, Hermine-Helene. Die Familienpolitik von Ursula von der Leyen trage er mit. Allerdings lehne er die finanzielle Unterstützung für "Wickelkurse" für Väter ab. Man solle die jungen Frauen von Heute nicht unterschätzen. "Die bringen das ihren Männern schon bei", meint Mißfelder. Er habe es auch gelernt - gern und freiwillig, wie die meisten jungen Väter heutzutage. Am Beispiel seiner Frau Ann-Christin verdeutlicht er sein Frauenbild und seine Ansichten zur Familienpolitik. Seine Frau sei Medizinerin und wolle arbeiten. "Das ist richtig, und ich unterstütze ihren Weg", sagt er. "Aber wenn eine Mutter zu Hause bleibt, arbeitet sie auch. Die Hausfrau leistet Familienarbeit, und das muss sich beim Betreuungsgeld niederschlagen."Auch wenn es im Wahlkampf manchmal so rüberkäme, seien CDU und SPD nicht dasselbe. Mit denen gehe es menschlich gar nicht, und das Betreuungsgeld hätten sie als "Herdprämie" diffamiert, klagt er. Wenn er von der zukünftigen Regierung redet, spricht er nur von "Schwarz-Gelb". Die Konsorten von Rot-Rot-Grün wolle er da nicht sehen, und mit der FDP käme man schon klar. "Gönnen wir Westerwelle den Außenministerposten." Dann werde man auch mit ihm reden können. "Für einen Dienstwagen hat schon so mancher Politiker alles getan", meint lachend.
Erfahrungen hat Philipp Mißfelder inzwischen auch auf dem Arbeitsmarkt gesammelt, was seiner gute Chance demnächst Bundesvorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU (MIT) zu werden, sicher nicht abträglich ist. Seit einem Jahr arbeite er in einem Kunstbuch-Verlag und erlebe die Probleme des Mittelstands hautnah. "Schwarz-Gelb muss bei der Unternehmenssteuerreform was verändern", sagt er und wirft "Rot-Grün" vor, mit dem Punkt "Veräußerungsgewinne" den Turbo-Kapitalismus eingeleitet zu haben.
So mancher gegen den Mittelstand gerichtete Wahnsinn werde nicht toleriert werden, und es werde dafür gesorgt, dass die "Kreditklemme" nicht entsteht.
Auf Fragen der Zuhörer ging Mißfelder ausführlich ein, obwohl er es eilig hatte, noch zu einem späten Termin in Recklinghausen zu kommen. Nur die Frage der CDU-Kreistagsabgeordneten Margarete Knoke, die sich ebenfalls nicht scheut ihre Meinung zu sagen, ob es nicht an der Zeit wäre, das große "C" im Parteinamen wieder etwas mehr zu betonen und in den Vordergrund zu rücken, ging wohl irgendwie unter.