Herbert Feuerstein sorgt in Warburg für ein bis dato nicht gekanntes Opernerlebnis
Warburg. Der Klassik-Konzertbetrieb, so wie wir ihn heute kennen, besteht seit dem vorletzten Jahrhundert, und in der Rezeptionsweise hat sich seither auch nicht viel verändert. Wann geklatscht wird, wie lange es dauert, die Präsentationsregeln der Musiker, alles hat im Laufe der Jahrhunderte kaum Veränderung erfahren. Bis Sonntag.
Medienexperte, Satiriker, Publizist und einer der versiertesten zeitgenössischen Intellektuellen, Herbert Feuerstein (72), hat in Warburg in der vollbesetzten Marianum-Aula mit seiner "Oper ohne Sänger" dem Publikum ein bisher nicht dagewesenes Klassik-Erlebnis beschert. "Wir befinden uns in einem richtigen Opernhaus mit einer Bühne und Mitwirkenden und ich bin der Inhalt", führte Feuerstein in seiner typischen zurückhaltend ironischen Art in den Musikabend ein. Oder war es ein Erzählabend?
Mit Mozarts "Don Giovanni" und Bizets "Carmen" erlebte das Warburger Publikum Auszüge aus zwei der schönsten populären Opern der Musikgeschichte, musikalisch hinreißend dargeboten vom achtköpfigen Hannoveraner Arte-Ensemble. Feuerstein: "Heute bekommen Sie zwei Opern für nur einmal rausgehen und Parkplatz suchen."
Ausgemachte Opernfans werden schöne Stimmen vermisst haben. Doch auch die mussten zugeben, Feuersteins Opernpräsentation hatte seine besonderen Reize. "Je älter ich werde und je weniger mir Testosteron die Sinne vernebelt, desto unsympathischer wird mir diese Carmen. Selbstbestimmung hin, Selbstbestimmung her, Carmen ist ein Luder", erzählt Feuerstein hintergründig im Plauderton, was der Besucher schon immer über die Story wissen wollte, aber nie zu zu fragen gewagt hätte.
"Seit ich zum ersten Mal Don Giovanni gehört habe, frage ich mich, was ein Komtur ist, aber eigentlich ist das auch egal, denn zwei Minuten später ist er sowieso tot", witzelte Feuerstein.
Nicht nur das Publikum ließ sich von Feuersteins Erzählungen in den Bann ziehen. Auch die Musikerinnen und Musiker des Arte-Ensembles konnten sich mitunter das Lachen nicht verkneifen, wenn Feuerstein beispielsweise sagte: "2.000 Bräute soll Don Giovanni in ganz Europa verführt haben, davon 231 in Deutschland, da war er wohl ein Wochenende auf Sylt." Oder: "Dann sagt Masetto die beiden entscheidenden Sätze, die später auch Gerhard Schröder übernommen hat: Ich habe verstanden und ich bin dann weg."
Feuerstein wäre nicht Feuerstein, wenn er nicht auch die aktuelle Tagespolitik in seine Opernerzählungen einfließen lassen würde: "Don Giovanni machte sich bei den Bauern beliebt, aber nicht mit höheren Milchpreisen."
Meistenteils hielt sich Feuerstein an sein festgelegtes Redekonzept, überraschte aber zwischendurch mit spontanen Einfällen. "Wir haben das ja schon ein paar Mal miteinander gemacht, aber heute spielt ihr besonders schön, das muss wohl an Warburg liegen", lobte Feuerstein das Orchester. "Wir haben das zwar nicht geprobt, aber hier sind eine Reihe von Scheinwerfern auf der Bühne, vielleicht können wir einmal für die dreieinhalb bis vier Minuten des nächsten Musikstücks eine richtige Höllenfahrt illuminieren", brachte Feuerstein die Olsberger Saaltechniker Christoph Pütter und Michael Memmersheim zum Schwitzen.