Stahle. Letzte Woche waren sie noch einmal ausgebüxt. Für Frühaufsteher war es besonderes Erlebnis, sich am Anblick der Kuhherde von den Wiesenwiesen beim gemütlichen Spaziergang rund um den Gedenkstein am "Östlichsten Winkel" Nordrhein-Westfalens zu erfreuen.
Mit solchen Späßchen und Sperenzchen ist es vorerst vorbei. Die rund 50 Kühe der Stahler Milchbauernfamilie Hamelmann/Nolte haben ihr Winterquartier im heimischen Stall des Bauernhofs an der Heinser Straße 43 bezogen. Freude bereiten sie den Stahlern aber weiterhin.
Seit einer Woche besteht die Möglichkeit, ihre Milch direkt ab Hof Hamelmann zu beziehen. Und das auf äußerst bequeme Art und Weise. Inspiriert von der Schweiz, wo es seit langem üblich ist, frische Milch beim Bauern und am Wanderwegesrand zu "tanken", haben Heinrich Hamelmann und Claudia Nolte nach gutem Schweizer Vorbild jetzt einen Schweizer Milchautomaten aufgestellt. Ein Novum im Kreis Höxter, aber eine hervorragende Idee, die jetzt - nachdem Veterinär- und Gesundheitsamt grünes Licht gegeben haben - sicher bald einige Nachahmer finden wird.
Es ist eine Idee, die aus der Not heraus geboren wurde. Jeder weiß es, jeder hat mitbekommen welche Existenzsorgen die Milchbauern auch im Kreis Höxter plagen. Auch Landwirt Heinrich Hamelmann ist wie viele seiner Berufskollegen auf die Barrikaden gegangen, um mit puren Verzweiflungsaktionen wie unter anderem dem Wegschütten von Milch Alarm zu schlagen und auf ihre existenzgefährdete Lage durch Preise, die nicht annähernd die Produktionskosten decken, aufmerksam zu machen.
Aber es ist auch eine Idee im Sinne der Verbraucher, denen das globalisierte Handelsgebaren mit all seinen Auswüchsen immer suspekter wird. "Aus der Region für die Region" lautet das Motto, das immer mehr Anhänger findet und jetzt auch bei der Milch den Einkauf "beim Landwirt seines Vertrauens" ermöglicht.
Mit dem Angebot frischer Rohmilch direkt vom Hof, frisch gemolken von den eigenen Kühen, bringen Heinrich Hamelmann und Claudia Nolte ihre Kunden so ganz nebenbei auch wieder auf den "richtigen" Milchgeschmack. Besonders die Älteren freuen sich darüber, die Milch wieder als "lebendes" Lebensmittel zu erfahren - mit allen Vor- und Nachteilen. Aus dieser Milch lässt sich - allein durch Stehen lassen und Abwarten - wieder Dickmilch herstellen, und passionierte Teetrinker kommen wieder in den Genuss, sich von der Milch den Rahm abzuschöpfen, was zur gepflegten Teezeremonie unbedingt dazugehört. Und natürlich wird diese Milch auch wieder sauer. "Außerdem muss sie vor Verzehr abgekocht werden", erklärt Claudia Nolte. "Wir sind verpflichtet, unsere Kunden darauf hinzuweisen."
Nach zwei, drei Tagen sollte die neue Stahler Milch verbraucht sein, was überhaupt kein Problem darstellt, da sie jetzt fast rund um die Uhr neu wiederbeschafft werden kann. Täglich von 7 bis 22 Uhr können sich die Stahler und alle, die Lust auf frische Milch haben und den Weg nicht scheuen, ihre Portion in gewünschter Menge für 60 Cent pro Liter selbst zapfen. Auch "Kleineinkäufe" für 10 oder 20 Cent sind möglich. Der Kunde füllt sein eigenes mitgebrachtes Gefäß oder kauft sich vor Ort für einen Euro eine Milchflasche.