Ovenhausen. Die Wintersonne wird von den nassen Scheren reflektiert, die der Europäische Flusskrebs angriffslustig um die Finger von Peter Horres schließt, dem Fischzüchter und Händler am Rand von Ovenhausen. In Kälte außerhalb des nassen Elementes und zu – für ihn – tagschlafender Zeit hält er jedoch nicht lange durch. Und doch reicht die Kraft des Flusskrebses, der als Gewässerpolizei wichtige Aufgaben im Ökosystem übernimmt, um neben deutlichen Druckstellen auch Blut bei Peter Horres fließen zu lassen.
"Noch im 19. Jahrhundert konnten die Menschen hier Flusskrebse fangen und fast täglich frisch auf den Tisch bringen", schwärmt Peter Horres für die damals unkompliziert zu fangende Delikatesse: "Mit dem Aussetzen des amerikanischen Kamberkrebses in der Oder vernichtete ein Sportfischer innerhalb kürzester Zeit fast den gesamten deutschen Bestand durch das Einschleppen der Krebspest." Diese hat neben Gewässerverschmutzung und Ausbaumaßnahmen den Europäischen Flusskrebs auf die rote Liste der bedrohten Tierarten befördert. Bedroht heute, paradoxerweise, im Besonderen durch die Liebhaber von Scherentieren.
"In den Aquaristikläden werden sie angeboten, die Krebse aus aller Herren Länder. Leider ist nur wenigen Käufern bewusst, dass sie nicht ausgesetzt werden dürfen", erläutert Burckhard Beinlich von der Landschaftsstation im Kreis Höxter den schwer nachvollziehbaren Widerspruch zwischen Ladentheke und Gesetzgebung. "Außerdem halten sich die Krebse, die teilweise gut über Land vorankommen, selten an die Vorschriften", fügt der zoologische Leiter der Station eher wehmütig lächelnd hinzu.
So hat, ganz aktuell, das Aussetzen von amerikanischen Signalkrebsen bei Bad Driburg die gesamte Nethe für eine Wiederansiedelung der bedrohten heimischen Edelkrebse unbrauchbar gemacht. "Dagegen ist die Emmer vielleicht noch durch ein intensives Abfischen der Fremdkrebse zu retten", versucht Beinlich aufzurütteln, indem er auf die folgenschweren Auswirkungen weniger ausgesetzter Krebse, in diesem Fall bei Nieheim in den Rötebach, mit Nachdruck hinweist. "Zwar sehen wir insgesamt im NRW-Vergleich recht positiv aus. Aber die Gefahr, in unseren Gewässersystemen vergeblich den Bestand an Edelkrebsen neu aufzubauen, ist einfach groß."
Und so kam auch der Fischzüchter Peter Horres bei Ovenhausen zu dem Europäischen Flusskrebs in seiner Hand: "Es war eine Verkettung von Umständen, die mich in ein Projekt zur Rettung des heimischen Edelkrebses eingebunden hat", erläutert der 60-jährige Züchter und Verkäufer von Forellen, Karpfen und Saiblingen. "Aufgrund des gesunkenen Grundwasserspiegels konnte ich in einigen meiner Naturteiche keine Fische mehr aufziehen."
Gleichzeitig war die Fischereibehörde der Bezirksregierung auf der Suche nach geeigneten Gewässern zur Aufzucht der bedrohten Tierart. "Einzig in der Paderborner Hochebene haben wir noch stabile Bestände", erläutert Ludwig Bartmann, Fischereidezernent in der Bezirksregierung, woher die Tiere für die Vermehrung in den Teichen von Fischhändler Horres stammen.
Doch auch rund um die Aabachtalsperre ist man seit Wochen wieder in absoluter Alarmbereitschaft: Nicht nur durch Fremdbesatz, auch durch fehlende Hygiene, beispielsweise von Anglern oder Tauchen, besteht das Risiko einer Übertragung der für die Krebspest verantwortlichen Sporen. Alle amerikanischen Krebsarten vom Kamber- bis zum Signalkrebs sind selbst immun gegen die Erkrankung, bleiben bei Infektion aber ihr Leben lang Ausscheider und damit aktive Überträger. Die hiesigen Krebse verenden bei der Infektion mit den Pilzsporen qualvoll: Erst setzt der Fluchtreflex aus, innerhalb von Stunden verstärken sich die Lähmungserscheinungen, die mit dem Abfallen der Gliedmaßen einhergehen.
www.edelkrebsprojektnrw.de
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