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12.03.2010
Beteiligen statt ausgrenzen
Inge Paare-Renkhoff fordert mehr Mitwirkungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen
VON JOSEF KÖHNE

Soziale Kälte | FOTO: JOSEF KÖHNE

Kreis Höxter. "Was alles nicht geht, das kann dir jeder erklären. Was aber möglich wäre, das musst du selbst mühselig herausfinden", zieht Inge Paare-Renkhoff ein enttäuschendes Resümee. Seit Jahren setzt sich die infolge einer Poliomyelitis (Kinderlähmung) gehunfähige Dipl.-Verwaltungswirtin mit staatlichen Stellen auseinander, um die Rechte von vor allem jungen Menschen mit Behinderungen anzumahnen.

Über das Ziel schießt die Frau mit den wachen Augen bei ihrer Forderung nach mehr Selbstbestimmung und Teilhabe für behinderte Menschen nicht hinaus. Aber Inge Paare-Renkhoff kennt die UN-Behindertenrechts-Konvention (UN-BRK). Sie weiß an welcher Stelle des Sozialgesetzbuches sie nachschlagen muss und sie lässt sich kein X für ein U vormachen. Vor allem aber weil das weitschweifige Gerede von der staatlichen Fürsorge für Behinderte in der Realität oftmals nichts weiter als Gerede bleibt, engagiert sie sich im "Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter". In dieser Funktion nimmt sich Inge Paare-Renkhoff jener Menschen an, denen die, wie sie betont, "mit sozialer Kälte formulierten Ablehnungsbescheide deutscher Institutionen den Lebensmut genommen haben".

"Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass zahlreiche Behördenmitarbeiter ein ausgeprägtes Abwehrmanagement betreiben", berichtet Paare-Renkhoff und zählt gleich eine ganze Reihe von Fällen auf, in denen erst das Einschalten Dritter zum Einlenken der Leistungsträger führte. "Statt gangbare Wege in ein selbst bestimmtes Leben aufzuzeigen und das Bemühen um Selbständigkeit und einen angemessenen Arbeitsplatz zu unterstützen, werden vor Menschen mit Behinderungen weitere Barrieren aufgebaut", ist ihre Erfahrung. Nicht selten konnte nur mit Unterstützung von Selbsthilfeeinrichtungen, wie der Aktion Lichtblicke, Hilfe geleistet werden.

Verwundert ist die ehemalige Mitarbeiterin der Bundesanstalt für Arbeit auch darüber, dass in den Bündnissen für Familien keine Rede von behinderten Familienmitgliedern ist.

Für ein gravierendes Problem hält sie außerdem die Tatsache, dass sich die staatliche Förderung für Menschen mit Behinderungen vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) auf Personen beschränkt, die entweder im Berufsleben stehen oder in dieses eingegliedert werden sollen. "Wer nicht mehr oder nicht arbeiten kann, muss sich die benötigten Hilfsmittel nicht selten erbetteln", weiß Paare-Renkhoff.Kritisch betrachtet sie auch das Vorgehen der Arge. "Es darf nicht sein, dass ein Mensch, der einen epileptischen Anfall erlitten hat und deshalb nicht mehr als Zimmermann arbeiten kann, an eine betreute Einrichtung für Behinderte verwiesen wird", sagt sie. Ein solches Vorgehen disqualifiziere die Betroffenen und koste den Staat unnötig Geld.

Mit der BSK-Kontaktstelle und ihren Mitstreiter will sich Paare-Renkhoff jetzt auch im Kreis Höxter verstärkt dafür einsetzen, dass Barrieren zunächst in den Köpfen und dann auch in öffentlichen Einrichtungen abgebaut werden.

Ihr weiteres Ziel ist die Installation von Behindertenbeauftragten in allen Kommunen. "Wenn es um Baumaßnahmen und Belange geht, die Behinderte betreffen, dann möchten wir an den Beratungen beteiligt werden", sagt Paare-Renkhoff. Und sie fügt hinzu: "Wer im Rollstuhl sitzt oder blind ist weiß am besten selbst, wo man Barrierefreiheit vergeblich sucht."

Als Beispiele nennt sie den öffentlichen Personennahverkehr, Versammlungsstätten für Parteien- und Vereinsveranstaltungen, für Sehbehinderte nicht zu erkennende Treppenstufen und Absätze in Wegen sowie für Rollstuhlfahrer nicht erreichbare Lokalitäten und Geschäfte. Auch dass man bei der Kreisverwaltung den Ansprechpartner in Sachen "Beratung Familien, Jugendliche und Senioren" findet, behinderte Menschen aber nicht erwähnt sind, stört sie.

"Menschen mit Behinderungen wollen als Selbstversorger in diese Gesellschaft integriert und nicht in Heime abgeschoben werden", betont sie immer wieder. Und sie berichtet von einer jungen Frau im Rollstuhl aus ihrem Umfeld, der nur durch den persönlichen Einsatz ihrer Eltern eine Heimkarriere erspart wurde. Sie konnte den Regelkindergarten und die Regelschule besuchen und jetzt eine weiterführende Schule. Zwischenzeitlich hat sie den Führerschein erworben und kämpft nun um finanzielle Unterstützung zum behinderungsbedingten Umbau eines Pkw beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe. "Sie wird mit einigen Hilfsmitteln einen Beruf ausüben können, ihren Lebensunterhalt verdienen und Steuern zahlen", sagt Inge Paare-Renkhoff.

Dass Menschen mit Behinderungen um die notwendige Unterstützung kämpfen müssen, so denkt die engagierte Frau im Rollstuhl, darf es in einem Staat wie der Bundesrepublik Deutschland und einem Bundesland wie NRW nicht geben.


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