Höxter. Sollten sich die Anklagevorwürfe so bestätigen, wie sie sich am ersten Verhandlungstag in dem Erpressungsprozess am Höxteraner Schöffengericht dargestellt haben, handelt es sich um einen Fall von außerordentlicher Niedertracht.
Einem 42-jährigen Mann aus Boffzen und seiner 36-jährigen Freundin aus Bad Driburg wird vorgeworfen, einem 52-jährigen alkoholkranken Hartz-IV-Empfänger aus Godelheim das wenige, was er besaß oder erhielt über einen Zeitraum von einem bis eineinhalb Jahren so vollständig abgenommen zu haben, dass ihm praktisch nichts mehr zum Leben blieb. "Ich hab jeden Tag Pfandflaschen gesammelt, da kamen ein paar Euro zusammen, und habe weggeworfene Kippen aufgesucht, die ich zu Ende geraucht habe", erzählt des Opfer, das sich aus Angst vor Schlägen lange Zeit niemandem anvertraut hat.
Die Masche des Erpresserpaares sah so aus, dass sich der 42-jährige Boffzener im Besitz des Personalausweises des 52-jährigen Godelheimers befand. Wenn der Godelheimer am letzten Tag des Monats per Scheck seine Unterstützung von der Arbeitsagentur (Arge) des Kreises Höxter bekam, holte ihn der Boffzener ab.
"Wir haben den Scheck eingelöst, das waren 359 Euro, von dem ich selbst nur das Hartgeld bekommen habe, das waren vier Euro, den Rest und meinen Ausweis hat er behalten", berichtet das Opfer. Die Tragik des Falls liegt darin, dass der Godelheimer aus einem falsch verstandenen Ehrgefühl heraus auch noch geglaubt hat, sein Peiniger befände sich im Recht.
Er glaubte nämlich mit 11.830 Euro bei dem Boffzener in der Kreide zu stehen. Die Schulden seien vor allem durch ein merkwürdiges Spiel entstanden, das auch für das Schöffengericht nur schwer nachvollziehbar schien. Wenn dem Godelheimer und seiner damaligen Partnerin der Alkohol ausging, war der Boffzener mit einer Art Zahlenspiel zur Stelle, mit dem er den Tageskurs für Spirituosen festlegte. Er kaufte neuen Alkohol und trug einen 20- bis 70-fach überhöhten Preis in ein ominöses Schuldenbuch ein. Auf Grundlage dieser angeblichen Kreditvereinbarung kassierte der Boffzener so Monat für Monat die komplette Sozialleistung des Godelheimers.
Vor Gericht als Wohltäter dargestellt
Vor Gericht stellten sich die Angeklagten als Wohltäter dar. Sie hätten dem 52-Jährigen sogar Lebensmittel eingekauft, damit er nicht alles versaufe und auch mit dem Auto öfters nach Höxter mitgenommen. Allerdings wurden auch diese Leistungen fein säuberlich mit zigfach überhöhten Werten in das Schuldenbuch eingetragen. "Das wäre immer so weiter gegangen", sagt das Opfer.
Der Umsicht eines Sozialarbeiters des Kreises Höxter ist es zu verdanken, dass die Machenschaften gestoppt werden konnten und jetzt eine strafrechtliche Aufarbeitung stattfinden kann. Anfangs hatte der Godelheimer in einem Beschäftigungsprojekt des Kreises gearbeitet. "Er hat sich dort sehr gut bewährt und die Arbeit hat ihm auch Spaß gemacht, aber ich habe gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war, er blieb mehrmals der Arbeit fern und der Alkoholkonsum nahm wieder zu, so dass ich gezwungen war, ihn aus dem Projekt zu entlassen", gab der 39-jährige Projektbetreuer an.
Trotzdem hielt der Betreuer den Kontakt. Schließlich vertraute sich der Godelheimer dem Sozialarbeiter an. Nach einem Gespräch mit Vertretern der Arge wurde die Polizei eingeschaltet, die bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung des angeklagten Boffzeners den Personalausweis des Godelheimers sicherstellten. Für ihn ist das Martyrium vorüber. Auch seinen Arbeitsplatz in dem Projekt hat er zurück erhalten. Für die Angeklagten ist die Sache noch nicht vorbei. Der Gerichtsprozess wird fortgesetzt.

















