Neuenheerse. Das Fohlenbrennen auf Gut Wertheim ist einer der fünf feststehenden Brenntermine für Islandpferde in Westfalen. Der Name Fohlenbrennen ist geblieben, obgleich durch die seit dem Jahreswechsel bestehende Chippflicht nur noch wenige Züchter die zusätzliche Kennzeichnung durch das glühende Eisen setzen lassen.
"Für mich hat der Brand eine traditionelle Bedeutung", erklärt Züchterin Kathrin Busch, während ihr Hengstfohlen Tjaldur das Aufbrennen des westfälischen Isländer-Brandes recht gelassen an der Seite seiner Mutter Lind von Gut Kempen über sich ergehen lässt. Damit kein Zweifel über die Abstammung besteht, wird beiden, Stute und Fohlen, eine Haarprobe für eine DNA-Analyse entnommen. Für die Stute ist es die zweite Entnahme, ihre DNA muss bereits bei der Eintragung als Zuchtstute vorliegen.
Tjaldur ist eines von zwei Fohlen, für die der Brandmeister des Westfälischen Pferdestammbuches, Wilfried Ahlemann, am Brandtag auf Wertheim das heiße Eisen aus der Glut holt. Noch im letzten August züngelten die blauen und roten Flammen an der Hinterhand bei jedem Fohleneintrag in das Zuchtbuch.
Kerben in die Ohren
Auf Island ist vieles anders, auch die Kennzeichnung der Pferde. Ursprünglich machten die verschiedenen Höfe unterschiedliche Kerben in die Ohren der Isländer. So konnte der Besitzer erfühlen, welches seine Tiere waren, wenn die Herden im Herbst aus dem Hochland zurückkamen. Gemeinsam wurden sie in eine Einfriedung getrieben, von welcher aus die Pferde rundherum in kleinere der unterschiedlichen Höfe "sortiert" wurden. Heute ist man zumeist zu einer Kennzeichnung mit Stickstoff übergegangen. Das Fell an den Ohren wird auf diese Weise entfärbt, so dass die Island-Pferde ihrem Besitzer zugeordnet werden können. (sab)
In diesem Jahr werden fast alle jungen Isländer nur noch gechipt. Mit dem Lesegerät sind sie nun über eine Identifikationsnummer als eingetragenes Pferd mit den entsprechenden Papieren über das Zuchtbuch zu identifizieren.
Der Chip ist nur wenige Millimeter lang und wird nach dem Scheren und Desinfizieren an der linken Halsseite unter die Haut gebracht. "Da die Kennzeichnung von Isländern in der Heimat auch keinen Brand kennt (siehe Informationskasten), haben wir uns entschieden, den Tieren diesen Stressfaktor zu ersparen", schildert Danja Daye die zukünftige Vorgehensweise auf Gut Wertheim.
Fünf Fohlen, Birna, Smilla, Lilja, Askur und Ganti von Gut Wertheim aus der Zucht von Bärbel Daye haben in diesem Jahr den brandlosen Anfang gemacht.
Seit zwei Jahren hat das Gestüt auf Wertheim zwei selbstgezogene Deckhengste. "Zucht ist ungemein spannend und immer wieder mit Überraschungen verbunden", berichtet Bärbel Daye und blickt mit Spannung auf ihr Fohlen Birna (gesprochen Birtna). Die am 10. Mai geborene junge Stute präsentiert sich als erfolgreichstes Fohlen des Tages (Note 8,13) in der Reithalle des Gutes den wertenden Augen des Richters Alex Conrad und seiner beiden Praktikantinnen. Bei dieser Materialprüfung genannten Beurteilung werden das Äußere (Exterieur), das Temperament (Interieur) und der Gang in unterschiedlicher Gewichtung bewertet.
"Das Äußere, das Gebäude, der Fohlen kann sich noch sehr stark verändern", erläutert Richter Conrad das Einfließen dieser Note zu nur 20 Prozent. "Gerade die sichtbare Anlage zu allen fünf Gangarten bringen später dem Reiter in Sport wie Freizeit einen hohen Gebrauchswert", erklärt Praktikantin Annika Wiescher die mit 50 Prozent hohe Bewertung des Gangs.
Von den Zuschauerplätzen aus folgen Züchter wie Reiter gespannt den Ausführungen des Richters, während die Fohlen freilaufend in der Halle vorgestellt werden. "Die Gang ist nicht sehr hoch, aber weit, bei einer sehr schönen Aufrichtung", beschreibt und kommentiert Alex Conrad die Bewegungen des Ende April geborenen männlichen Scheckfohlens Slettir von Züchterin Theresa Schültken aus Peckelsheim. Im Stand wird anschließend der Körperbau, vom Auge bis zu den Gelenken, unter die erfahrenen Richteraugen genommen.
Slettir bekommt mit 7,99 die beste Hengst-Wertnote des Tages. In der Gesamtplatzierung erreicht er den vierten Platz hinter den drei Siegerstuten: Birna und Smilla (8,06) der Züchterin Bärbel Daye und Lara (8,02) von Gut Hasselburg (Züchter Bernhard Rittmann). Sie alle haben sich, wie auch die zweit- und drittplatzierten kleinen Hengste, Naglison (7,96, Züchter Josef Raulf) und Tjaldur (7,95, Züchter Kathrin und Anna Busch) mit ihrer Richterbewertung für das Fohlenchampionat am 12. September in Havixbeck qualifiziert.