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02.09.2010
STEINHEIM
Den Hobelspan im Kinderschuh
Die Möbelstadt wird 80 / Inhaber Heinz Becker war vom Anfang an dabei

Charakterköpfe | FOTO: KÖHNE

Steinheim. Als sich der Tischlermeister Anton Becker vor 80 Jahren in der Möbelstadt Steinheim selbstständig machte, war Sohn Heinz im Grundschulalter. Noch heute betritt der 86-jährige Unternehmer Heinz Becker früh am Morgen eines jeden Werktags nach den Reinigungskräften das Geschäft und zieht sich gegen Mittag in sein Privatleben zurück. Becker wurden 2004 einstimmig vom Stadtrat die Ehrenbürgerrechte Steinheims verliehen. NW-Mitarbeiter Josef Köhne sprach mit Heinz Becker über verantwortliche Unternehmensführung, politische Vorbilder und gute Ratschläge.

"Warum, Herr Becker, stehen sie jeden Morgen noch in der Firma, wo andere in ihrem Alter längst den Ruhestand genießen?
HEINZ BECKER: Nachdem Sie mich das vor sechs Jahren schon einmal gefragt haben, hatte ich Zeit darüber nachzudenken. Dem Möbelhandel geht es nicht rosig und die Konkurrenz ist hart, wie man leicht an den in der Werbung abzulesenden Nachlässen erkennen kann. Ich fühle mich dem Unternehmen und den langjährigen treuen Mitarbeitern gegenüber verpflichtet, so lange Verantwortung zu tragen, wie ich dazu in der Lage bin.

Das hört sich nach alten Handwerkstugenden an?
BECKER: Wenn Sie so wollen, ja!

Info

Mit 22 Jahren Geschäftsführer

Sechs Jahre war Heinz Becker alt, als sich sein Vater, der Tischlermeister Anton Becker, vor 80 Jahren in der Möbelstadt Steinheim selbstständig machte. Schon während der Schulzeit stand er an der Hobelbank und tat, was der politisch aktive Vater forderte. Folgsam lernte Heinz Becker das Tischlerhandwerk, schnupperte in renommierte Möbelfabriken und übernahm, weil der sozialdemokratisch ausgerichtete Anton Becker stellvertretender Landrat des Kreises wurde, mit 22 Jahren die Geschäftsführung. Mit unternehmerischem Geschick baute er die Möbelwerkstatt zu einem blühenden Möbel-Versandhandel mit bis zu bundesweit 1.100 Vertretern aus. Als das Sterben der Möbelfabriken auch in Steinheim viele qualifizierte Holzfachleute erwerbslos machte, schaffte es Heinz Becker, sich mit dem Möbelfachhandel "Die Möbelstadt" gut am Markt zu halten und Arbeitsplätze zu sichern.

Von Ihrem Vater sagte man, er habe als Sozialdemokrat christlich gehandelt. Ist das ein Grund für Sie, als Christdemokrat soziales Engagement zu zeigen?
BECKER: Ich vermute, Sie sprechen meine Spenden an. Nein, da hat mich meine Mutter mehr geprägt. Sie ging regelmäßig zu den Bedürftigen.

Ihre Spenden, Herr Becker, liegen seit Jahren bei rund 50.000 Euro per annum. An die Öffentlichkeit treten Sie damit nur selten. Warum?
BECKER: Ach, Gott ja, die Spenden kommen aus meinen privaten Mitteln und werden nicht den Firmengeldern entnommen. Ich muss deshalb nicht, wie die Vorstände zahlreicher Institute, für jede gespendeten 500 Euro einen Scheck in die Pressekameras halten. Allerdings komme ich einmal im Jahr nicht drum herum, weil sonst meine Mitarbeiter murren.

Helmut Schmidt haben Sie einmal als "den" deutschen Politiker bezeichnet. Ist er es heute noch?
BECKER: Unbedingt! Von seiner Couleur ist niemand mehr zu finden.

Was hatte er, was heute fehlt?
BECKER: Er ist klug, ehrlich, gewissenhaft und er geht einen geraden Weg. Heute wird mir zu viel gekungelt. Außerdem finde ich es gar nicht gut, dass Politiker sofort in die freie Wirtschaft wechseln und dort lukrative Jobs annehmen. Auch, dass Herr Wulff bei seinem reichen Freund auf Mallorca gewohnt hat, zeugt nicht unbedingt von Feingefühl.

Nach welchen Kriterien haben Sie selbst Ihr Unternehmen geführt?
BECKER: Ich habe die Mitarbeiter ausgesucht. Ich kenne jeden persönlich, weiß um seine Familie und Sorgen. Ich weiß, dass ich allein die Verantwortung trage, für alles das, was im Unternehmen passiert. Ich höre auch gern dem Lehrling zu, wenn er etwas zu sagen hat. Ich bin meinem Gewissen gefolgt und war bereit zu kämpfen, wenn es notwendig war. Außerdem halte ich Kompromissfähigkeit für eine Grundvoraussetzung.

Es ist bekannt, dass Sie zahlreiche Führungspositionen in Vereinen innehatten. Politisch waren Sie eher "unauffällig".
BECKER: Mein Vater hat mich schon sehr früh davon abgehalten, bei öffentlichen Ausschreibungen ein Angebot abzugeben. Politik und eigene Geschäftsinteressen muss man strikt voneinander trennen, war seine Devise. Er hatte Recht und ich habe mir etliche Konflikte erspart.

Wo haben Sie aufgetankt?
BECKER: Viel Kraft habe ich durch meine vielen sportlichen Aktivitäten geschöpft – sei es Tennis, Segelfliegen, Rallyes und natürlich das Golfen. Über 140 Pokale konnte ich gewinnen. Ich wurde in zahlreiche Vereins-Vorstände gewählt. Jahrelang war ich Präsident des Golfclubs Bad Pyrmont, dessen Ehrenpräsident ich noch heute bin.

Womit, Herr Becker, kann Ihr Unternehmen in den kommenden Jahren am heiß umkämpften Möbelmarkt bestehen?
BECKER: Gute Frage! Aber wir müssen uns nicht groß verändern. Wir setzen seit Jahrzehnten auf gute und bezahlbare Qualität, bestens ausgebildete und fachkundige Wohnberater und einen lebenslangen Service. Damit haben wir eine besonders treue Stammkundschaft bis in die dritte Generation aufbauen und halten können.

Von wem haben Sie Rat angenommen?
BECKER: Von vielen Menschen. Ich habe mich immer bemüht, bei den besten ihres Fachs zu lernen.

Das waren?
BECKER: Zum Beispiel der Börsen- und Finanzexperte André Kostolany. Nach einem Seminar fragte ein Zuhörer, wo man am besten das erste an der Börse verdiente Geld investiert. Kostolany sagte: "In die eigenen Kinder."


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