Sandebeck. Beim Anblick von Ingo Seidenstickers Lebenslauf könnte man schnell neidisch werden und sich fragen: Sollte ich nicht doch besser Koch werden? Der 30-jährige Sandebecker, der bald das elterliche Hotel Germanenhof übernehmen wird, hat einen reichen Erfahrungsschatz und viele erlebte Abenteuer vorzuweisen.
Nach dreijähriger Ausbildung in einer renommierten Gütersloher Hotelküche nahm er sowohl bei den Deutschen Jugendmeisterschaften im Kochen als auch am Wettbewerb um den Achenbach-Preis teil, der Deutschlands besten Nachwuchskoch auszeichnet. In beiden Wettbewerben kochte er sich bis in die Bundesauswahl und belegte dort je einmal den vierten und sechsten Platz.
"Ich konnte zuhause ja auch super üben", gesteht Ingo Seidensticker schmunzelnd. "Meine Eltern haben mir einen Korb mit einigen Lebensmitteln hingestellt, aus denen ich ihnen ein 3- bis 4-Gänge Menü kochen sollte. Nach dem Essen gab es dann eine Mischung aus Lob und elterlichen Tipps, die mir dann doch immer ziemlich weitergeholfen haben." Der Tipp der Eltern, viele Erfahrungen im Ausland zu sammeln und unter vielen verschiedenen Küchenchefs zu arbeiten, brachte den damals 20-Jährigen schließlich für sechs Monate in eine angesehene Restaurantküche im schweizerischen Ascona.
"In der Schweiz werden sehr hohe und elitäre Ansprüche ans Kochen gestellt. Noch dazu habe ich dort mit deutschen, französischen und englischen Köchen zusammengearbeitet. Gerade diese Mischung machte die Zeit dort für mich so lehrreich", erklärt Ingo Seidensticker. Seine nächste Station war nicht weniger bemerkenswert: Es folgte ein Winter in einem italienischen Restaurant in St. Moritz, das die Auszeichnung "Bestes Restaurant der Schweiz" erhalten hatte.
Während er in seiner wenigen Freizeit Ski fuhr, kochte er in St. Moritz unter anderem für Boris Becker und Verona Pooth. Auch der Standort des nächsten Restaurants beweist, dass richtig gute Köche dort arbeiten, wo andere Urlaub machen: Das folgende halbe Jahr lang kochte Ingo Seidensticker in einem Ein-Sterne-Restaurant auf Sylt. Dass das Urlauben auf Sylt aber auch wirklich anderen überlassen blieb, verdeutlichen seine dortigen Arbeitsstunden: Sechs Tage in der Woche arbeitete er 14 bis 15 Stunden pro Tag.
"Es ist ja quasi für mich von zuhause vorbestimmt worden, dass ich Koch werde. Und da ich solche heftigen Arbeitszeiten ja auch schon von dort gewöhnt bin, ist das alles kein Problem für mich", erklärte er ganz lässig.Dann begann für den jungen Koch sein größtes Abenteuer: Er machte sich mit dem Flugzeug auf den Weg nach Buenos Aires, wo er an Bord der "MS Europa" ging. Sechs Monate lang arbeitete er dann auf dem Kreuzfahrtschiff als Koch und reiste so um die ganze Welt: Von Südamerika aus ging es durch die Südsee über die Osterinseln vorbei an Australien bis nach Indonesien. Jeden Tag musste Ingo Seidensticker zehn Stunden kochen. "Manchmal jedoch gab es sehr heftigen Seegang. Das war für uns Köche total vorteilhaft, weil bei 20 Meter hohen Wellen viel weniger Passagiere Hunger bekamen als sonst", berichtet Ingo Seidensticker lachend.
Weiter führte die Route von Indien nach Afrika und durch den ägyptischen Suez-Kanal. Die Fahrt über das Mittelmeer brachte die Schiffsreisenden schließlich wieder nach Europa, wo in Monaco, Frankreich und Belgien Station gemacht wurde.
Als in Kiel die Reise zu Ende war, hatte der Sandebecker allerhand Erfahrungen gemacht und Abenteuer erlebt: "Da wir Angestellten meistens nur sehr wenig Zeit hatten, um uns die fremden und verlockenden Städte anzuschauen, hat uns die Not erfinderisch gemacht", erklärt der Sandebecker. "In Mumbai zum Bespiel haben wir uns ein Taxi gerufen und den Fahrer gebeten, uns innerhalb von zwei Stunden alle Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Der hat uns dann zwar als Kunstbanausen beschimpft, aber gesehen haben wir trotzdem eine ganze Menge". Da die Seeluft und die vielen fremden Städte Ingo Seidensticker scheinbar noch nicht genug Abenteuer waren, machte er sich kurze Zeit später auf den Weg ins englische Henley-on-Thames, wo jedes Jahr die Henley-Royal-Regatta im Rudern stattfindet. "Wegen dieser Regatta ist die Dichte von adeligen Gästen in den Restaurants besonders hoch. Doch meine Hoffnung, deshalb dort viel lernen zu können, wurde enttäuscht: Die englische Küche ist einfach irgendwie platt", resümierte er fachmännisch.
Nach dem anschließenden Besuch der renommierten Hotelfachschule in Dortmund pachtete er für drei Jahre das Restaurant im Dalheimer Kloster und war dort als Geschäftsführer tätig. Seit Januar ist er nun komplett im Germanenhof beschäftigt, wo er zusammen mit seiner Freundin Eva-Maria Iselin bereits die Gaststube umgestaltet hat.
Kaum war die Renovierung als erstes großes Projekt zuhause stilsicher geglückt, suchte sich der 30-Jährige eine neue Herausforderung: Er stürzte sich ins sogenannte "grüne Abitur" und machte seinen Jagdschein. Da auch dieses Projekt erfolgreich geglückt ist, können sich die Gäste des Germanenhofs auf Wild freuen, das teilweise vom Koch persönlich geschossen wird.
Zuhause hat sich Ingo Seidensticker wieder richtig gut eingelebt: "Ich habe mir lange genug den Wind der weiten Welt um die Nase wehen lassen. Nun bin ich glücklich, mich hier in Sandebeck als Koch verwirklichen zu können".