Anhörung zur geplanten Salzpipeline beginnt / Gefährdung vor allem bei Hochwasser befürchtet
Höxter/Beverungen/Boffzen. Der Widerstand ist beeindruckend: 19 dicke Aktenordner mit 5.000 Eingaben gegen die geplante Salzpipeline zur Werra werden ab kommenden Montag verhandelt. Widerspruch kommt auch aus Höxter, Beverungen und Boffzen. Die Städte fürchten, dass die Weser dauerhaft geschädigt wird. Um das zu verhindern, soll der Umweltanwalt Hans Peter Sawatzki aus Holzminden beim Erörterungstermin die Kritik vortragen.
Auf 200 Meter Höhe ist die Salzhalde bei Neuhof bereits angewachsen. Auf ihr werden Abfälle gelagert, die beim Salzabbau des Kasseler Salz- und Düngemittelherstellers K + S entstehen. Regnet es auf die Halde, entsteht eine Salzlauge. Etwa 700.000 Kubikmeter jährlich. Die müssen irgendwie entsorgt werden.
Deshalb plant das Unternehmen, eine Pipeline an die Werra nach Philippsthal oder alternativ direkt an die Weser bei Bad Karlshafen. Ein Projekt, das unbedingt verhindert werden müsse, sagt Hans Peter Sawatzki. Er vertritt noch weitere Kommunen. "Grob geschätzt würde es 800 Jahre dauern, bis das Regenwasser die Halde abgetragen hätte." Mit dieser Rechnung will er deutlich machen, dass eine Pipeline keine Lösung für die Probleme von K + S sein könne. Zumal es zwei weitere riesige Salzhalden gebe und bei der Produktion viele weitere Millionen Kubikmeter Salzlauge anfielen, die in den Untergrund verpresst oder in die Werra geleitet werden müssen.
"Die Weser ist eine Lebensader nicht nur wegen seiner Fauna und Flora, sondern auch für den Tourismus", betont Sawatzki. Zwar sei es nicht gesundheitsgefährdend, in der Weser zu baden. Aber ein negatives Image als dreckiger und versalzener Fluss könne sich nachteilig für die Urlaubsregion auswirken, fürchtet der Rechtsanwalt.
Die Oberweser sei eigentlich ein beliebtes Gebiet für Angler. Aber durch den hohen Salzgehalt kommen nur vergleichsweise wenige Fischarten vor – die aber in hoher Zahl. "Dass ist ein deutliches Zeichen dafür, dass der Fluss nicht im ökologischen Gleichgewicht ist", sagt Christian Schneider vom Verein Lebendige Weser in Höxter. Wie Sawatzki berichtet, habe der Fischereiverein Holzminden mehrfach versucht, wieder Lachse in der Weser anzusiedeln – erfolglos.
Sawatzki hat dafür eine einfache Erklärung: Der durchschnittliche Chloridgehalt in Höxter liege mit 600 Milligramm pro Liter weit über der sogenannten Störschwelle, bei der sich die meisten Süßwasserfische wohlfühlen. Der Fakt ist bekannt. Aber eine Umweltverträglichkeitsprüfung, die untersucht, wie sich die Salzeinleitung auf die Tiere und Pflanzen in und an der Weser auswirkt, gibt es nicht. "Sie ist gesetzlich nicht vorgeschrieben", ärgert sich der Umweltanwalt.
Ebenso fehlen aus Sawatzkis Sicht gesetzliche Grenzen für Magnesium und Kalium, deren Werte in der Weser teilweise um ein vielfaches über der Störschwelle liegen.
Ein weiteres Argument, das Sawatzki gegen die Pipeline vortragen will, sind die ungeprüften Auswirkungen auf die Mündungsgebiete von Nethe und Bollerbach. Sie sind FFH-Naturschutzgebiete und wurden mit erheblichem finanziellen Aufwand renaturiert. Eine eingehende Untersuchung der Folgen hat die Genehmigungsbehörde, das Regierungspräsidium Kassel, nicht vorgeschrieben.
Ebenso wenig wie die Auswirkungen auf streng geschützte Vogelarten wie Schwarzstorch und Milan, die an den Weserauen nach Meinung Sawatzkis nicht genügend Fressen finden.
Ebenfalls nicht untersucht sind bisher mögliche Schäden, die eine salzhaltige Weser bei Hochwasser auf Überschwemmungsgebiete wie Auen und Felder, aber auch auf Freibäder haben könnte. Zwar will K + S bei extremen Überschwemmungen die Einleitung der Salzlauge stoppen. Ob das reicht, ist aber unklar.
Sawatzki meint, dass sich die Salzpipeline vor allem durch politischen Druck verhindern ließe. Er hofft auf ein deutliches Signal von Bürgermeistern und Landespolitikern. Aber auch ein größeres Engagement der Bürger für ihren Fluss sei wünschenswert, um den Druck auf das Unternehmen zu erhöhen. Der sei notwendig, um eine grundsätzliche Lösung für die Salzabwässer zu finden.
Sawatzki schwebt vor, dass K + S einen Zeitplan entwickeln muss, wie es dauerhaft die Umweltverschmutzung verringern will. Die 360-Millionen-Euro-Investitionen des Unternehmens für eine "integrierte Salzsteuerung" seien nur ein Anfang. Möglich sei auch der Bau einer Salzpipeline direkt zur Nordsee. Das hatte nach jahrelangen Beratungen ein Runder Tisch aus Experten und Politikern im Frühjahr 2010 vorgeschlagen. Passiert ist seitdem nichts.