Mit gemischten Gefühlen in Afghanistan auf Patrouille
Höxteraner Bundeswehr-Offizier berichtet über seinen Einsatz
VON SEBASTIAN BEUG
Höxter. Die Bundeswehr wandelt sich: Aus der Streitkraft mit Wehrpflichtigen ist eine Freiwilligenarmee geworden, die in Auslandseinsätzen kämpft. Letztere geraten oft durch traurige Schlagzeilen in den Fokus – Anschläge mit Verwundeten oder gar Toten, schlechte Ausrüstung – oder aber im Wahlkampf und bei Ministerbesuchen. Ein generelles Interesse und ein Verständnis über den Alltag der Soldaten fehlen - so beklagen es zumindest Mitglieder der Streitkräfte. Deshalb betrieb Guido Hupp aus Höxter-Lüchtringen jetzt Aufklärung.
"Das, was die Soldaten leisten, das weiß keiner", sagt der 44-jährige bei einem Vortrag über seinen Afghanistan-Einsatz auf Einladung der CDU Lüchtringen. Als Offizier war Hupp Mitte 2010 für militärisch-zivile Zusammenarbeit zuständig. Der Soldat war sowohl Ansprechpartner für nichtstaatliche Stellen und Dorfvorsteher, als auch Sammler militärisch-relevanter Informationen. "Wir sind Gäste dort", betont Hupp und erzählt, dass er die ISAF-Planer beriet. Erfuhr er von einer Feier in einem Dorf, so schlug er vor, dieses Dorf bei einem Manöver zu meiden, damit der Konvoi die Einheimischen nicht verärgere.
Zur Verständigung während der zehnstündigen Patrouillen stand ihm ein Dolmetscher, der des Englischen, Paschtu und Dari mächtig war, zur Seite. Viele Afghanen wandten sich an Hupp und äußerten Wünsche und Beschwerden über den Bau einer Brücke, einer Schule oder eines Brunnens. Der Lüchtringer erklärte ihnen, an welche staatlichen Stellen sie sich wenden müssen, denn diese gibt es in Afghanistan und sie haben sogar Pläne zu Brücken und Schulen erarbeitet. Kleine Aufgaben gab Hupp den Afghanen, um Eigeninitiative zu fördern.
Wunderschöne Landschaft
Seine Touren während des viereinhalbmonatigen Aufenthalts führten ihn durch das Tal des Flusses, in dem der Bundeswehr-Außenposten in Taloqan liegt, rund 75 Kilometer von Kunduz. Dort holen die Bauern jährlich drei Ernten aus den Feldern. "Auch die Landschaft ist unglaublich schön", erinnert sich Hupp, dessen Lageralltag sich weniger attraktiv gestaltete. Zwar musste er sich seinen Wohncontainer nur mit einem Kameraden teilen, die zwei Duschcontainer sind jedoch für die Nutzung aller Soldaten und Soldatinnen. Ein Problem stellten die Unisexeinrichtungen jedoch für niemanden dar, sagt der 44-jährige.
Viel schwieriger ist für jeden Soldaten das Heimweh, nachdem nach etwa eineinhalb Monaten Routine eingekehrt ist. Auch für Hupps Frau Heike und die zwei Kinder war die Abwesenheit ihres Mannes und Vaters nicht immer einfach. Doch der tägliche Kontakt via Internet hat der Familie geholfen.
Die Psyche belastet der Stress, die mangelnden Freiräume und die Konfrontation mit Gefahren, Verletzten oder gar Toten. "Ich bin nie beschossen worden", ist Hupp sichtlich glücklich, "aber jeder geht mit gemischten Gefühlen nach draußen. Das kann man nur unterdrücken."
Spaßveranstaltungen zum Bergfest
Im Kosovo war Hupp an früheren Einsätzen beteiligt. Die militärische Ausstattung in Afghanistan ist um ein Vielfaches schwerer. "Immer mindestens sechs Fahrzeuge, und sobald wir unterwegs sind, ist immer ein Arzt dabei", erläutert der Lüchtringer, dessen Ausrüstung täglich etwas mehr als 20 Kilogramm wog.
Normalerweise stehen den Soldaten neben dem Fernseher im Speisezelt und dem Beamer in der Versammlungszentrale wenige Möglichkeiten der ohnehin raren Freizeit zur Gestaltung offen, zumal sie nach den Patrouillen noch Berichte zu schreiben haben. Spaßveranstaltungen zum Bergfest – auch wenn es nach Kindergeburtstag klingt – wie Äpfelfischen und Gewürze erriechen, lenkten ab. Ein Stückchen Heimat serviert zusätzlich der Bundeswehrkoch täglich auf den Tellern der Soldaten.
Wieder daheim, hat Hupp insgesamt vier Auslandseinsätze hinter sich. Als Veteran sieht der Lüchtringer sich nicht. Nach wie vielen Auslandseinsätzen ein Soldat zu einem Veteran werde, sei noch nicht definiert. Verteidigungsminister de Maizière schlägt zurzeit einen Gedenktag für Veteranen vor. "Den Tag finde ich richtig", kommentiert Hupp. Schließlich könne er das Verständnis für den Alltag und die Arbeit der Soldaten fördern.
Zum ersten einmal wollen die meisten Soldaten keine besondere Aufmerksamkeit. Sie tun ihre Arbeit und wollen das man sie ihre Arbeit tun lässt. Der Vergleich mit "Normalen" Berufen ist aber trotz allem nicht im Ansatz möglich. Ein Soldat der kämpfenden Truppe hat gut und gerne eine 60 Stunden und mehr Woche. Da würde ein Lehrer schon auf der Straße stehen und Schilder schwenken. Die meisten Soldaten haben aufgrund ihrer Versetzungen einen Lebensmittelpunkt an Ort x und sind die Woche über am Dienstort. Das bedeutet, sie sehen ihre Familien meist nur am Wochenende und das auch nur am Samstag. Den Freitag und Sonntag verbringen sie mit Masse auf der BAB. Ein Vertriebsmitarbeiter ist dagegen in der Regel um 17 Uhr zu Hause. In den Kämpfenden Einheiten liegen, je nach Auftrag und Division, bis zu acht Monate Übungen im Jahr an. Da es im Regelfall mindestens alle zwei Jahre in den Einsatz geht kommen da noch Einsatzvorbereitung und Nachbereitung dazu. Das wird dann schon zu einem Spagat Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Nicht umsonst liegt die Scheidungsrate bei solchen Einheiten bei weit über 60%.
Soldaten verdienen im Schnitt gut 1600€. Das da aber durchschnittlich 400€ alleine an Spritkosten Monatlich abgehen und eine Doppelte Haushaltsführung mit abgedeckt werden muss wird gerne vergessen. Da ist dann noch nichts für die Familie eingekauft und Miete bzw. Abtrag für die eigenen vier Wände bezahlt worden. Da kommen dann noch die Versicherungen ins Spiel, ein Sozialarbeiter wird nicht die Probleme haben eine zu finden die ihn versichert (außer er ist bei USAID in Afghanistan). Der Soldat dagegen schon. Wenn er dann eine hat lässt sie sich das natürlich auch gut vergüten. Aber da ein Soldat eh kaum zu Hause ist kann er den Rest des Geldes sowieso nicht ausgeben:-)
Also warum noch Soldat sein? Keine Ahnung, muss wohl Überzeugung sein. Da es bestimmt nicht für die Politiker ist, die die Soldaten in den Einsatz schicken um ihnen dann das Messer in den Rücken zu rammen wenn es mal hässlich wird, muss es etwas Truppen internes sein. Das Geld ist es auch nicht. Wenn sich dann doch ein Mensch dazu entschließt Soldat zu werden, Hut ab.
Ich will andere Berufe nicht abwerten. Eine Vergötterung des Militärs wie unter Kaiser Wilhelm II halte ich auch für den falschen weg. Ein Anfang wäre schon mal wenn die Politik zu dem was sie dort verbockt hat stehen würde. Denn das war Politik und nichts andres.
Das soll bis hier erst mal reichen. Ich schreibe mich grade warm, möchte aber noch Stoff für weitere, hoffentlich Sachliche und Konstruktive, weitere Debatten lassen.
Jawil schrieb am 20.02.2012 19:01 Uhr
Also ich finde es super, dass es Leute gibt, die das machen, da runter gehen und versuchen anderen Menschen zu helfen. Und dabei ihr eigenes Leben riskieren. Also, meinen Respekt habt ihr.
chicobello schrieb am 20.02.2012 17:50 Uhr
Klar, genau diese stereotype Argumentation habe ich hier auch erwartet. Auch die Fortsetzung der Mär: meine Freiheit wird am Hindukusch verteidigt. Jeden Tag setzen tausende von Menschen ihr Leben aufs Spiel. Warum wird diese Thematik nur bei Soldaten gesehen? Brauchen sie diese besondere Beachtung und Auswertung, um eine Legitimation für ihre Job zu erhalten? Hier ist ein umdenken erforderlich, auch von Betonköpfen.
klaus schrieb am 20.02.2012 17:24 Uhr
Weil Lehrer oder Vertriebsmitarbeiter nicht im Auftrag der vom Volk gewählten Regierung jeden Tag in Afghanistan sein Leben riskiert. Wer das nicht erlebt hat sollte nicht solche Kommentare posten.
0x539 schrieb am 20.02.2012 17:10 Uhr
Ganz einfach, sein berufsrisiko wird durch beschlüsse des parlaments und somit durch die entscheidung eines jeden bürgers drastig erhöht. Desweiteren bringt es absolut nichts vergleiche mit anderen berufen anzustrengen, da es schlichtweg unmöglich ist.
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Also warum noch Soldat sein? Keine Ahnung, muss wohl Überzeugung sein. Da es bestimmt nicht für die Politiker ist, die die Soldaten in den Einsatz schicken um ihnen dann das Messer in den Rücken zu rammen wenn es mal hässlich wird, muss es etwas Truppen internes sein. Das Geld ist es auch nicht. Wenn sich dann doch ein Mensch dazu entschließt Soldat zu werden, Hut ab.
Ich will andere Berufe nicht abwerten. Eine Vergötterung des Militärs wie unter Kaiser Wilhelm II
halte ich auch für den falschen weg. Ein Anfang wäre schon mal wenn die Politik zu dem was sie dort verbockt hat stehen würde. Denn das war Politik und nichts andres.
Das soll bis hier erst mal reichen. Ich schreibe mich grade warm, möchte aber noch Stoff für weitere, hoffentlich Sachliche und Konstruktive, weitere Debatten lassen.