Schloß Holte-Stukenbrock / Oerlinghausen. Flugangst hat nichts mit dem Alter zu tun. Juliane Gellrich ist 35 Jahre alt. Vor acht Jahren flog sie zum ersten und zum letzten Mal - bisher. Alexia Jürgens ist zehn Jahre alt und bis zu ihrem achten Lebensjahr häufig geflogen. Nach einer Fernsehsendung über Flugunfälle ist die Fliegerei für sie erledigt. Die beiden Schloß Holte-Stukenbrockerinnen jedoch wollen ihre Angst überwinden. Mit Hilfe eines Mediziners, eines Flugsimulators und einem kurzen Flug mit einem Hubschrauber. Begleitet werden sie dabei von einem Kamerateam der Sat-1-Wissenssendung "Planetopia".
Werner Höing ist Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik und hat dann noch ein Medizinstudium drangehängt und sich neben der Allgemeinmedizin auf Flugmedizin spezialisiert. Er sagt: "30 Prozent der Bevölkerung haben Flugangst. Doch bei den meisten sei der Wunsch nach der Veränderung, beispielsweise der Urlaub, so stark, dass die Angst davon verdrängt wird." Dem Argument, dass das Flugzeug bezogen auf die Flugbewegungen und die Passagierkilometer das sicherste Verkehrsmittel ist, sind Flugangstpatienten nicht zugänglich. Passagierkilometer sind eine kommerzielle Maßeinheit. Ein Flugzeug, dass 100 Passagiere 10.000 Kilometer weit transportiert, legt eine Million Passagierkilometer zurück.
Im Vorbereitungsgespräch hat Höing vor laufender Kamera erst einmal in Erfahrung gebracht, was die Angst auslöst und was befürchtet wird. Bei Gellrich war es die Sorge um ihren damals zweijährigen Sohn und daraus folgend die Angst vor dem Absturz. Auch bei Alexia ist es die Angst vor dem Absturz. Ebenso ergeht es Martin Mechthold, bei dem die Angst nach einem Nachtflug voller Turbulenzen einsetzte. "Damals hatte ich Todesangst."
"Die Phantasie eines Unfallgeschehens ist tatsächlich die häufigste Angst", erklärt Höing. In der Therapie werden die Patienten mit dem Angsterlebnis konfrontiert. Natürlich nicht mit einem Absturz, aber mit den Dingen, die diese Angst beflügeln, beispielsweise mit dem Kontrollverlust, denn die Passagiere liefern sich dem Piloten aus, können keinen Einfluss auf das Flugzeug nehmen.
In Oerlinghausen werden die drei Patienten zunächst mit in den Flugsimulator von Marcus Schäfer genommen. Es ist das Cockpit einer kleinen Cessna und Alexia wird sagen: "Als Pilotin hatte ich viel weniger Angst." Das sei typisch, sagt Höing. Im Simulator wird der Patient zum Handelnden, der Einfluss auf das Geschehen nehmen kann.
Auch Juliane Gellrich hat schweißnasse Hände als sie ins Cockpit klettert. Sie ist nervös, streicht sich immer wieder über ihren Pferdeschwanz, der doch eigentlich perfekt sitzt. "Es ist schon ein sehr seltsames Gefühl", sagt sie nach dem "Flug". Für sie war es gut und angenehm, dass Höing neben ihr saß und sie beruhigte. "Trotzdem kann man nicht ausblenden, dass es ein Simulator ist, in dem man sitzt."
Anders ist es beim danach geplanten Hubschrauberflug. Mario Mekus von Heli-Life hat seinen roten Hubschrauber aufgetankt. Sonst nie um einen Spruch verlegen, nimmt er jetzt Rücksicht auf die drei Patienten, spricht ihnen Mut zu. Wieder gibt es Absprachen mit dem Filmteam, die Begrüßungsszene wird gleich zwei Mal gedreht. Ein bisschen nervt die Kamera und das unvermeidliche Warten auf die nächste Einstellung. Dann wird’s ernst. Keiner will als erster. Schließlich sagt Juliane Gellrich: "Ich mach’s, dafür bin ich doch hier." Und nach der Landung sagt sie mit einem Seufzer: "So schlimm war es gar nicht."