Oerlinghausen. Das Rathaus ist jetzt eine Notinsel. Nach einer Anlaufzeit von 15 Monaten wurde gestern der erste Aufkleber, der Kindern signalisiert, dass sie dort sicher sind, an der Eingangstür des Rathauses angebracht. Von den Sponsoren war Manfred Kaulen für die Rotarier gekommen, die nicht nur 1.500 Euro zur Verfügung stellten, sondern auch die Schirmherrschaft für die Notinseln in Oerlinghausen übernahmen.
Einen Betrag in gleicher Höhe hatte die Sparkasse zur Verfügung gestellt. Sie wurde repräsentiert von Axel Wattenberg, der betonte, dass die Sparkasse auch ohne den Aufkleber jederzeit für Kinder in Not Ansprechpartner ist. Der dritte Hauptsponsor, Dr. Frank Krause von der Chirurgischen Handpraxis Senn und Krause in Bad Salzuflen, der 1.000 Euro spendete, war beruflich verhindert. 500 Euro kamen von der Lippischen Landes-Brandversicherungsanstalt. Kai Schwickert und Ralf Täuber waren als Leiter des Oerlinghauser Servicecenters gekommen. Es fehlte in der illustren Runde Monika Scheler, die im Februar 2010 den Antrag, ins Notinsel-Projekt einzusteigen, für die CDU eingebracht und anschließend die Sponsoren angesprochen hatte.
Das Notinsel-Projekt wendet sich in erster Linie an Kinder, die sich subjektiv in einer Notsituation befinden. Das kann ein unaufschiebbarer Gang zur Toilette sein, ein aufgeschrammtes Knie oder ältere Kinder, die dem jüngeren Kind drohen.
"Grundsätzlich werden alle Anliegen von Kindern ernst genommen", sagt Anja Semmling von der Hänsel+Gretel-Stiftung, die das Notinsel-Projekt ins Leben gerufen hat und immer noch betreut. "Wenn ein Kind weiß, dass auch die kleinen Sorgen ernst genommen werden, wird es im Ernstfall erst recht keine Scheu haben, eine Notinsel aufzusuchen", sagt sie. Nach Auskunft von Semmling dauert es durchschnittlich zwischen fünf und acht Monaten, bis ein Ort nach der Antragstellung in den politischen Gremien die Notinseln kennzeichnet. In Oerlinghausen habe es wohl jetzt etwas länger gedauert. Mehrfach hatte die Politik bei der Verwaltung angefragt, warum sich die Realisierung verzögere.
Für die Stadtverwaltung wird jetzt Petra Jastro aktiv. "Etwa 60 Einrichtungen wollen mitmachen", erläuterte sie gestern. Das Gros verteile sich auf die Kernstadt, in Helpup und in der Südstadt gibt es jeweils etwa zehn Interessenten, in Lipperreihe fünf. "Aber da gibt es ja auch nicht so viele Geschäfte", ergänzte Jastro. Trotz großen Interesses könne sie auch nicht jedem Geschäft einen Aufkleber überlassen. "Ich hatte ein Geschäft, das von der Inhaberin allein betrieben wird. Die wollte unbedingt Notinsel werden, doch die Kriterien der Hänsel+Gretel-Stiftung schreiben nun einmal vor, dass mindestens zwei Personen ständig im Geschäft anwesend sein müssen. Aber das heißt nicht, dass Kinder dort nicht gut aufgehoben seien", sagt Petra Jastro. Das habe die Geschäftsinhaberin dann auch verstanden. Auf eine Teilnahme verzichten müssen auch große Supermärkte. Anja Semmling: "Wenn es schon Erwachsenen schwerfällt, sich zu orientieren, sind Kinder sicherlich überfordert. Das wollen wir verhindern. Kleine Märkte, vielleicht sogar mit einem Backstand oder ähnlichem im Eingangsbereich sind hingegen gern gesehene Notinseln.
Aktuell stehen den Notinseln in der Bergstadt 4.500 Euro zur Verfügung. Nach Auskunft von Stiftungssprecherin Anja Semmling benötigt eine Stadt von der Größe Oerlinghausens beim Start des Projekts 2.092 Euro. Dieser Betrag setzt sich zusammen aus 750 Euro einmalige Betreuungspauschale, da die Stiftung die Notinseln nach dem Franchise-Prinzip vertreibt. Hinzu kommen 1.342 Euro Materialkosten für 100 Aufkleber, 5.000 Handzettel, 100 Plakate und 100 Handlungsanweisungen. An diese Anweisungen sollen sich Mitarbeiter der teilnehmenden Geschäfte, Praxen und Banken halten.
Petra Jastro hat bisher 22 Zusagen und für die nächsten Tage noch gut zu tun.