Schloß Holte-Stukenbrock. 104946. Diese sechs Zahlen definieren Hugo Heinemanns Leben. Sie gehören zu seinem Alltag wie für andere das Zähne putzen - es ist die Nummer, die ihm im Konzentrationslager tätowiert wurde. Heinemann ist einer der letzen Auschwitz-Überlebenden und nahm sich am vergangenen Wochenende Zeit, im Rahmen des Antifa Workcamps in Stukenbrock- Senne über sein Leben zu berichten.
Es ist ein ungewöhnlich lauer Septemberabend. Eine Gruppe von 50 überwiegend jungen Menschen hat sich in einem Halbkreis nahe des sowjetischen Soldatenfriedhofes in Stukenbrock- Senne auf Holzbänken niedergelassen. Sie alle sind Teilnehmer des Antifa Workcamps, das bereits seit 1997 vom antifaschistischen Kreisplenum Gütersloh veranstaltet wird. Für Samstagabend haben die Organisatoren Hugo Heinemann einen der letzten noch lebendenHäftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz eingeladen. Als sich der 86- Jährige hinter seinem improvisierten Rednerpult niederlässt, verstummt jedes Gespräch.
"Antifa Workcamp"
Schon seit 35 Jahren findet das Antifa Workcamp auf dem Gelände des sowjetischen Soldatenfriedhofs statt. Das Camp hat sich auf die Fahne geschrieben, Menschen aller Altersklassen, die sich gegen Rechtsextremismus und Rassendenken engagieren möchten, zusammenzubringen. Entstanden ist das Camp aus Mahnwachen, die in den 60er Jahren auf Grund von Schändungen auf dem Friedhof ins Leben gerufen worden waren.-ram
Heinemann erzählt chronologisch: 1924 in Bochum geboren, berichtet er zuerst über seine Kindheit als Sohn einer Jüdin. "Wir Kinder haben uns bei alle dem, was damals vor sich ging, nichts gedacht", sagt Heinemann. Seine Mutter wurde 1941 nach Riga verschleppt, kurze Zeit später "verschwand" auch sein Bruder Max. Zwei Jahre danach konnte auch Hugo sich der bedingungslosen Deportation Deutscher Juden nicht mehr entziehen: Er wurde von den Nationalsozialisten nach Auschwitz gebracht.
"Es ist schon erschreckend, was Herr Heinemann uns heute berichtet hat. Seine Geschichte sollte als abschreckendes Beispiel für jegliche Form von Rassismus heutzutage dienen", sagt Patrick Müller (Name geändert). Der 15- jährige ist mit einigen andern Jugendlichen über die sozialistische Jugendorganisation "Die Falken" auf das Camp aufmerksam geworden. "Es macht Spaß und ist für uns ein Einstieg in die Antifa Arbeit", sagt der Gymnasiast.
"Links, Rechts, Links, Rechts" habe es bei der Einlieferung in das Lager geheissen, sagt Heinemann. Als er allerdings aufgrund einer Handverletzung nicht mehr arbeiten konnte, kam er irgendwann frei. "Erst ganz spät", habe ihr Vater angefangen, über das Erlebte zu sprechen, sagt Roswitha Heinemann, die an diesem Abend neben ihrem Vater sitzt. Ob sie sein Erbe weiterführen werde, wisse sie nicht. "Das ist eine sinnvolle Frage, über die Ich noch gar nicht nachgedacht habe", sagt die 57- Jährige.