Oerlinghausen. Die Welt einfach hinter sich lassen. Aufsteigen, höher, immer höher hinein in das Azurblau des Firmaments, Dahingleiten auf den Wogen der Thermik – und im Ohr nur das Rauschen des Windes. In der Bergstadt sind viele Freunde des Segelflugsports zuhause. Doch auf dem Flugplatz an den Hängen des Teutoburger Waldes ist ein Flugbetrieb eigentlich nur sechs Monate im Jahr möglich.
Das sagt Helmut Gerbig-Brathge, Leiter der Segelflugschule Oerlinghausen. Doch die Schule möchte eine möglichst hohe Auslastung ihrer Flugzeuge erreichen. Aus diesem Grund arbeiten die Bergstädter Piloten seit 1990 mit dem Flugplatz im italienischen Sondrio zusammen. Das liegt etwa 40 Kilometer Luftlinie südlich von St. Moritz. In diesem Jahr ist der Aufenthalt dort von Anfang März bis Ende April geplant.
Sechs Flugzeuge aus Oerlinghausen werden im Anhänger nach Italien transportiert, das Schleppflugzeug wird geflogen. Routinierten Piloten stehen drei Flugzeuge mit Einzelkabine zur Verfügung. Die anderen drei sind Doppelsitzer. Dort fliegt immer ein Fluglehrer mit. Bei dem zweimonatigen Aufenthalt in Italien sind vier bis fünf Fluglehrer mit dabei und ein Pilot, der das Schleppflugzeug fliegt, denn auf dem Flugplatz in Sondrio gibt es nicht die Möglichkeit, mit Hilfe einer Winde zu starten.
"Natürlich kann man auch hier das Fliegen in bestimmten Aufwindarten üben", sagt Gerbig-Brathge. Ein bisschen gäben die Hänge des Teuto schon her. Da untertreibt Gerbig-Brathge sicherlich etwas, schließlich sind die Oerlinghauser Segelflieger, die an Wettbewerben teilnehmen durchaus erfolgreich.
Dennoch: Solch ein Training in den Alpen hat noch einmal eine ganz andere Qualität. "Der Flugplatz liegt auf einer Höhe von 200 Metern", sagt Gerbig-Brathge. "Aber dann sind die Alpen eben in unmittelbarer Nähe und dann geht es hoch bis auf mehr als 4.000 Meter." Doch der Flug in solchen Höhen ist nicht nur angenehm. Bei Flügen in Höhen von mehr als 3.000 Metern nehmen die Segelflugpiloten ein Sauerstoffsystem mit, falls es dem Piloten mal etwas schwummerig wird. Ein anderes Problem ist die Temperatur.
Das Cockpit ist nicht wärmeisoliert. Kopf und Oberkörper sind der Sonne ausgesetzt. Da kann es warm, manchmal richtig heiß werden. Doch die Füße liegen im Schatten. "Im Fußraum wird es manchmal extrem kalt", sagt Gerbig-Brathge. "Wir hatten auch schon Temperaturen von minus 35 Grad Celsius. Durchschnittlich aber ist es 10 bis 12 Grad kalt." Dabei brauchen die Piloten ihre Füße, denn damit betätigen sie die Seitenruder des Flugzeugs.
Mittlerweile gebe es aber schon gute Möglichkeiten, die Füße warm zu halten, beispielsweise mit einem akkubetriebenen Heizsystem.
Flugbegeisterte bleiben meist ein oder zwei Wochen in Italien, um ihre Fertigkeiten im Alpenflug zu verbessern, aber auch, um ein bisschen italienisches Flair am 20 Kilometer entfernten Comer See zu genießen oder um ein paar Hänge hinabzuwedeln.
Getrübt werden könnte der Italienaufenthalt in diesem Jahr von der Luxussteuer, die das Land einführen will. Davon wären eventuell auch die Segelflugzeuge betroffen. "Aber noch ist nichts konkret", sagt Georg Hemkendreis, Geschäftsführer des Segelflugvereins. Es gebe noch keine Durchführungsbestimmungen, und "es ist auch noch nicht klar, ob die Steuer auch für Clubs und Flugschulen gelten soll", sagt Hemkendreis.
Schade fänden es beide, wenn aufgrund der Luxussteuer Sondrio unattraktiv wird. "Aber vielleicht müssen wir dann über Alternativen nachdenken und beispielsweise nach Slowenien ausweichen", sagt Gerbig-Brathge.