Löhne. Heroinentzug ist ein langer und steiniger Weg. Für 19 abhängige Löhner, die sich für eine Ersatzdrogentherapie mit Methadon entschieden haben, ist er zusätzlich auch noch weit. Der tägliche Weg zur Ersatzdroge führt sie in die umliegenden Nachbarstädte. Denn in Löhne gibt es keinen Arzt, der das dringend benötigte Medikament vergibt.
"Auch in Vlotho und Hiddenhausen haben wir keine substituierenden Ärzte", sagt Uwe Schnier, Leiter der zuständigen Drogenberatungsstelle (Drobs) in Herford. "Dieser Bereich ist einfach nicht versorgt." Für seine Klienten aus diesen Stadtgebieten ist es ein zusätzlicher Stolperstein auf dem Weg in ein neues Leben. Das verabreichte Medikament befriedigt zwar die entscheidenden Stellen im Gehirn, berauscht die Abhängigen jedoch nur gering. Erst so können sie versuchen, verlorene soziale Bindungen und Kontakt zu ihrer Familie herzustellen.
Häufig erschwert die weite Anfahrt zur Vergabestelle jedoch den wichtigen Wiedereinstieg ins Berufsleben. "Wenn zum Beispiel einem Süchtigen aus Löhne eine Maßnahme der Arbeitsagentur in Bünde angeboten wird, der substituierende Arzt seine Praxis aber in Minden hat, dann hat er ein echtes Problem", sagt Schnier. Das tägliche Pendeln mit dem Nahverkehr beschert aber auch den erwerbslosen Klienten zusätzliche Sorgen: Fahrtkosten, die nicht von der Krankenkasse erstattet werden.
Eine Anfahrt mit dem Auto ist den Substitutionspatienten zum Beginn der Therapie nicht erlaubt. Erst nach einem Jahr ohne nachweislichen Beigebrauch anderer Drogen oder Medikamente können die Methadon-Konsumenten durch eine Prüfung ihren Führerschein zurückbekommen. Voraussetzung hierfür sind regelmäßige Drogentests.
Deshalb wünscht sich Schnier, in den unterversorgten Stadtgebieten neue Mediziner für die Substitution zu gewinnen. "Das könnte theoretisch jeder niedergelassene Arzt machen", sagt er. Eine kostenpflichtige suchtmedizinische Qualifikation ist nur nötig, wenn der Arzt mehr als drei Opiatabhängige Klienten betreuen will.
Hoffnung setzt der Leiter der Herforder Drogenberatung in den "Qualitätszirkel substituierender Ärzte Herford-Minden-Lübbecke".
Dort können sich interessierte Mediziner alle notwendigen Informationen von Kollegen mit langjähriger Substitutionserfahrungen holen. "Da geht es ja zunächst einmal um ganz einfache Fragen", sagt er. "Zum Beispiel: Wie funktioniert Substitution im Praxisalltag und wie lässt sich eine solche Behandlung mit der Krankenkasse abrechnen."
Auch für den Umgang mit der schwierigen Patientengruppe kann ein Erfahrungsaustausch hilfreich sein. "Ein großes Problem mit Heroinsüchtigen ist das permanente Austesten von Grenzen", sagt Schnier. Wichtig seien klare Regeln für die Praxen, wie es sie auch in der Drogenberatung gibt: Hier führt jegliche Gewalt gegen Mitarbeiter sowie Drogenkonsum oder -handel zum sofortigen Ausschluss von der Behandlung. Ein Preis, den die wenigsten Substitutionspatienten zahlen wollen.
"In vielen Praxen haben sich außerdem feste Vergabezeiten durchgesetzt", sagt Schnier. "Dann kommen die Opiatabhängigen zum Beispiel erst ab 18 Uhr." So bleibt der normale Praxisbetrieb weitgehend unbeeinflusst. Mit Erfolg. Nach Schniers Erfahrungen bewahrheiteten sich die Bedenken vieler Mediziner nicht, die Aufnahme von Substitutionspatienten könnte andere Patienten abschrecken und zu einer Reduzierung des Kundenstamms führen.
Informationen für interessierte Mediziner geben die beiden Vorsitzenden des Qualitätszirkels substituierender Ärzte: Herbert Koßmann unter Tel. (0 52 21) 1 53 45 und Dr. Stefan Rapp unter Tel. (05 71) 7 05 43. Weitere Informationen für Betroffene und Angehörige gibt die Drogenberatungsstelle Herford. www.drogenberatung-herford.de