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30.05.2009
Und alle haben weggesehen
Lisa Appel und ihre Tochter erleiden schweren Fahrradunfall – und werden von Autofahrern ignoriert
VON DIRK WINDMÖLLER

An der Unfallstelle | FOTO: DIRK WINDMÖLLER

Löhne. Lisa Appel ist enttäuscht von ihren Mitbürgern. Am 20. April hatte die Löhnerin einen schweren Fahrradunfall auf dem Radweg an der Lübbecker Straße. Von der Straße aus war die Unfallstelle gut zu sehen. Geholfen hat ihr allerdings niemand.

"Ich war an diesem Tag gegen 19 Uhr mit meiner Tochter Denise auf dem Radweg in Richtung Marktkauf unterwegs. Auf Höhe des Becker Kruges ist es dann passiert", erinnert sich Lisa Appel. Sie habe einen Moment nicht aufgepasst und dann war es auch schon zu spät: "Ich bin auf meine vor mir fahrende Tochter aufgefahren, die angehalten hatte, um mir etwas zu sagen."

Tochter, Mutter und Fahrräder gingen zu Boden, blieben ineinander verkeilt liegen. Lisa Appel fiel ausgerechnet auf das Knie, an dem sie vor wenigen Monaten operiert worden war. "Ich hatte sofort starke Schmerzen und meine Tochter musste mich unter den Rädern wegziehen."

Als sie von den Rädern befreit war, habe sie Kreislaufprobleme bekommen. "Ich habe mich auf den Radweg gelegt und meine Tochter hat mir die Beine hochgehalten."

Gesehen haben müssen diese Szene sehr viele Autofahrer. Das Wetter war schön an diesem Abend im April. "Nicht wenige Autofahrer sind mit heruntergelassener Scheibe unterwegs gewesen."

Angehalten hat trotz der offensichtlichen Notlage nicht ein einziger Autofahrer. Tochter Denise ergänzt: "Da ist auch ein Radfahrer direkt an uns vorbei gefahren. Auch der hat nicht reagiert. Am liebsten hätte ich geschrien: Halten Sie bitte an, können Sie nicht sehen, dass hier jemand verletzt ist?"

Die Zwölfjährige sei jedoch zu geschockt gewesen, um so zu reagieren. "Meine Tochter hat geweint, als sie mich so gesehen hat." Hilfe bekamen Denise und Lisa Appel erst durch Ehemann Jörg. "Den habe ich mit dem Handy angerufen."

Lisa Appel hat lange überlegt, ob sie sich mit ihrem Fall an die Öffentlichkeit wenden soll. "Ich hoffe, dass ich ein paar Menschen ermutigen kann, nicht so gedankenlos zu sein. Zuerst war ich wütend, jetzt bin ich traurig, dass es bei uns in Löhne auch schon so weit gekommen ist. Das ist die Ich-Bezogenheit in unserer Gesellschaft."

Rainer Koch, Pressesprecher der Polizei, bestätigt den Eindruck von Lisa Appel. "Das Weggucken in Notsituationen ist leider in Mode." Dabei machen sich Menschen, die bei einem offenkundigen Notfall nicht eingreifen, sogar strafbar. Unterlassene Hilfeleistung heißt der juristische Fachbegriff. "Leider gibt es häufig Fälle, in denen sich das nicht nachweisen lässt."

Die Polizei und das Innenministerium ermuntern die Menschen zum Hinsehen. "Wir laden Helfer zu einem gemeinsamen Gespräch mit der Landrätin ein oder schreiben einen Dankesbrief. Und es gibt für herausragende Helfer einmal im Jahr einen Empfang beim Innenminister", sagt Koch.

Mit dem Fahrrad ist Lisa Appel noch nicht wieder gefahren. Vielleicht auch, weil sie Angst hat, dass ihr im Notfall wieder niemand hilft.
    


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