Löhne. Insolvenz klingt nach Versagen. Wer Konkurs anmeldet, hat verloren. So denkt Deutschland. Und liegt damit falsch. Denn wer früh die Zeichen der Zeit erkennt und sich helfen lässt, kann gestärkt aus der vermeintlichen Niederlage hervor gehen. Oliver Stubenrauch hat sich Anfang 2008 nicht geschämt, als er Insolvenz für seine Colorform GmbH anmeldete. Und das war gut. Sein Betrieb konnte gerettet werden. Damit gilt er als große Ausnahme.
"Insolvenz. Das klingt in diesem Land fast wie ein Schimpfwort", sagt Stubenrauch. Der Colorform-Chef vergleicht die Insolvenz gerne mit dem Arztbesuch: "Je länger man damit wartet, desto schlimer wird’s." Die Colorform GmbH, 1991 gegründet, druckt Formulare und stellt Geschäftsdrucksachen her und Stubenrauch machte gute Geschäfte - bis ihm der Markt unter den Fingern wegbröckelte. "Sicher hätten wir das irgendwie auffangen können", ist Stubenrauch sicher. Wäre da nicht diese Steuergeschichte gewesen.
Das übliche Prozedere: 2000 kommt die Steuerprüfung ins Haus, es tauchen Fehler aus 1996 auf - und das Finanzgericht lässt sich mit seiner Entscheidung bis 2007 Zeit. Das Ende vom Lied ist ein dicker Batzen an Steuernachzahlungen. Eben jenes Geld, das Stubenrauch zur Eigensanierung gebraucht hätte. Stubenrauch wollte seinen Betrieb gesundschrumpfen, hatte dazu aber nicht mehr die Mittel. "Verkleinerung kostet genauso viel wie sich zu vergrößern": Es müssen etwa Mitarbeiter freigestellt werden und der Verkauf der Maschinen endet meist mit Verlusten.
Stubenrauch zögerte nicht, meldete im Februar 2008 Insolvenz an und machte sich gemeinsam mit der Belegschaft und dem Insolvenzverwalter daran, zu retten, was zu retten ist.
"Wir hatten großes Glück, dass der Insolvenzverwalter Experte für Firmensanierungen ist", sagt Oliver Stubenrauch. Ein motivierter obendrein. "Manche sehen sich nur als Vertreter der Gläubiger, sie saugen heraus, was geht, stellen die Gläubiger einigermaßen zufrieden, zerschlagen den Betrieb und haben ihren Job gemacht."
Die Colorform GmbH indes wurde verkleinert. Man verkaufte überflüssige Maschinentechnik, Stubenrauch kündigte sechs von zwölf Mitarbeitern. "Eine unschöne Zeit, es hat mir unendlich leid getan." Dennoch steckte der Chef den Kopf nicht in den Sand, kämpfte weiter, ging offensiv mit der Insolvenz um. "Wir haben offen mit Kunden und Lieferanten darüber gesprochen - und keinen einzigen verloren." Der Betrieb erwirtschaftete trotz Insolvenz Geld, so dass die Gläubiger ausgezahlt werden konnten. "Unser Glück war, dass wir keine Verbindlichkeiten gegenüber den Banken hatten." Dennoch musste Stubenrauch zur Zwischenfinanzierung sein privates Konto anzapfen. "Ich habe an mein Unternehmen geglaubt, deshalb bin ich das Risiko eingegangen." An die Firma geglaubt haben auch die Gläubiger. Sie stimmten dem Insolvenzplan kürzlich während einer Versammlung zu. Wenn der Plan umgesetzt ist, ist, wovon alle Beteiligten ausgehen, ist Stubenrauch aus dem Schneider.
Damit gehört Colorform einer Minderheit an. Die Firma überlebt und wird sogar in der alten Gesellschaftsform weitermachen können. "Eine absolute Ausnahme", bestätigt Dr. Hardy Gude, Wirtschaftsforscher des Wirtschaftsdienstleisters Creditreform. "Die meisten kleinen Insolvenzen (unter 100 Mitarbeiter) werden liquidiert, die Quote liegt bei über 90 Prozent." Erfolgreiche Sanierungen gelten als absolute Ausnahme. Die Gründe: "Die meisten Betriebe zögern den Antrag so lange hinaus, bis keine verwertbaren finanziellen Mittel mehr übrig sind." Zudem hätten die Insolvenzverwalter oft wenig Anreiz, die Betriebe zu retten. "Die meisten sehen ihren Job als erledigt, wenn sie so viel als möglich für die Gläubiger herausgeholt haben", sagt Gude.