Löhne. August Lütkemeyer und Hürriyet Tutal. Zwischen diesen Namen liegen Welten. Der eine kann ostwestfälischer nicht sein - der andere ist so türkisch, dass das auch Menschen auffällt, die noch nie in ihrem Leben in der Türkei waren. Hürriyet Tutal ist einer der beiden Geschäftsführer bei August Lütkemeyer, dem Elektrogroßhandel. Gemeinsam mit seinem Schwager führt er das Unternehmen. Tutal, der gebürtige Türke mit dem deutschen Pass, hat seine persönliche Erfolgsgeschichte erlebt.
Dass Hürriyet Tutal eines Tages ein mittelständisches Unternehmen führen würde, war bei seiner Geburt in etwa so wahrscheinlich wie der baldige EU-Beitritt der Türkei. 1963 wurde er in der Nähe von Izmir geboren. Seine Eltern sahen bessere berufliche Perspektiven in Deutschland. Sein Vater begann 1966 in der Bundesrepublik zu arbeiten. Seine Mutter folgte ihrem Ehemann 1968. "Das war ein sehr mutiger Schritt meiner Eltern, damals ohne Sprachkenntnisse", sagt Tutal. Der Vater arbeitete in Stuttgart, die Mutter hatte in Vlotho einen Job gefunden. Als sich abzeichnete, dass die Tutals länger in Deutschland bleiben würden, entschieden sie sich für Vlotho.
"Ein Jahr habe ich bei meinen Großeltern gelebt und das erste Grundschuljahr in der Türkei verbracht", erinnert sich Tutal. Als seine Eltern nach vielen Monaten zu Besuch kamen, muss die erste Begegnung mit ihrem kleinen Sohn eine Enttäuschung gewesen sein. "Ich habe gefremdelt, als sie kamen." Schnell fiel die Entscheidung, den kleinen Hürriyet mit nach Deutschland zu nehmen. Im September 1969 ist es soweit: Hürriyet Tutal kommt nach Vlotho.
"Mein Vater hat gesagt, dass ich damals der jüngste Türke in ganz Vlotho war." Und auch an seiner Schule habe es nur noch einen weiteren türkischen Jungen gegeben. Und so fand er schnell Kontakt zu Deutschen. "Einen meiner auch heute noch besten Freunde habe ich in der Grundschule kennen gelernt. "
Als nach dem Abschluss der 4. Klasse der Schulwechsel anstand, stand für Hürriyet Tutals Vater fest, dass sein Sohn zum Gymnasium gehen muss. "Meinen Eltern war von Anfang an klar, dass Bildung die entscheidende Rolle in Deutschland spielt", sagt Tutal. Dafür ist er seinen Eltern noch heute dankbar. Selbstverständlich sei diese Haltung nicht gewesen. "Meine Eltern kommen aus einfachen Verhältnissen. Die hätten sagen können: Werde Arbeiter, wie wir."
Gegen einige Widerstände gelang schließlich der Wechsel zum Gymnasium. Einfach war es für Hürriyet Tutal nicht auf dem Gymnasium. "Eine Gleichbehandlung von Türken und Deutschen gab es in der Schule nicht." Eine Schlüsselszene aus dem Unterricht ist ihm bis heute in Erinnerung geblieben. "In der siebten Klasse meinte die Religionslehrerin, dass ich als Moslem nicht mehr am christlichen Religionsunterricht teilnehmen könnte. Da habe ich zum ersten Mal die Fremdartigkeit gespürt." Mit viel Arbeit hat sich Tutal durchs Gymnasium gekämpft. 1983 machte er Abitur. "Als erster Türke in Vlotho. Meine Eltern waren so stolz."
Dass Ausländer in Deutschland nach seltsamen Regeln behandelt wurden, spürte Tutal kurz nach dem Abitur. "Ich wollte statt einer Auftenhaltsgenehmigung eine Aufenthaltsberechtigung haben. Da musste ich nachweisen, dass ich integriert bin." Auch ein Sprachtest wurde von mir verlangt. "Den habe ich verweigert. Ich hatte Deutsch als 3. Abiturfach. Wenn es dafür reicht, dann kann Deutsch für mich ja wohl kein Problem sein." Die Beamten hatten ein Einsehen und ersparten Tutal den Deutschtest.
Aus der Aufenthaltsberechtigung wurde schließlich 1999 die deutsche Staatsbürgerschaft. Da war er schon längst mit seiner Frau Anja verheiratet. Gemeinsam hat das Ehepaar zwei Kinder. Hürriyet Tutal, der nach dem Abitur Informatik studierte, arbeitet seit 1992 im Familienunternehmen, das von seinem Schwiegervater viele Jahre geführt wurde.
Wenn Hürriyet Tutal auf seine Entwicklung zurückblickt, dann kann er nicht verstehen, dass viele junge Türken im Jahr 2009 schlechter Deutsch sprechen als er in ihrem Alter. "Dabei ist die Sprache der Schlüssel zum Erfolgt. Wer glaubt, dass es ohne geht, hat nichts begriffen."
Regelmäßig besucht Hürriyet Tutal mit seiner Familie seine Eltern, die mittlerweile wieder in ihrer alten Heimat leben. "Bei unseren Besuchen freut mich immer besonders, dass meine Frau s o gut Türkisch spricht. Manchmal verbessert sie mich sogar", sagt er lachend.