Löhne. "Nein, die Zeit heilt nicht alle Wunden", sagt Hartmut Schiermeier und schaut für einen Moment ins Leere. Die Erinnerung an den schmerzlichen Verlust überwältigt ihn. Nur kurz, dann hat sich der Familienvater gefasst. Neun Jahre nach dem schlimmsten Tag seines Lebens habe er "das noch nicht begriffen", sagt der 55-Jährige. Begriffen, dass Sohn Dominic (16) nicht mehr da ist. Gestorben bei einem Unfall. Der Vater hat seine Form der Verarbeitung gefunden und dem Sohn eine Homepage gewidmet.
Es waren nur wenige Minuten, die am 4. April 2001 das Leben einer ganzen Familie radikal veränderten. Ein Nachbar stand in der Tür und rief: "Hartmut komm schnell, es ist etwas passiert." Der Vater eilte zur Ellerbuscher Straße, wo sein ältester Sohn 300 Meter vom Elternhaus entfernt mit dem Roller auf einen geparkten Lkw geprallt war. Helfen konnte Hartmut Schiermeier seinem Kind nicht mehr. Niemand konnte das.
Vier Menschen verloren an jenem Tag so unermesslich viel: Neben dem Vater und der Mutter auch der zwölfjährige Bruder ("er wurde über Nacht erwachsen") und die dreijährige Schwester, die durch die Gnade der späten Geburt zu klein war, um alles zu verstehen. "Es geriet alles aus den Fugen. Wir konnten nicht mehr klar denken", sagt der Vater. Freunde und Verwandte kümmerten sich um die Kinder, als die Eltern sich mit "Kaffee und Zigaretten irgendwie am Leben hielten".
Doch es musste weitergehen. Allein - wie wird man mit so etwas fertig? Hartmut Schiermeier suchte psychologische Hilfe und wurde enttäuscht. Der erste sagte ihm, er sei stark genug, um es allein zu schaffen. Doch der Kraftfahrer konnte da nicht mal mehr arbeiten, weil er die Lkw nicht ertrug. Der zweite Psychologe wollte, "dass ich alles, was mich an Dominic erinnert, vermeide". Absurd in den Augen des Vaters. Er tat das Gegenteil. "Ich bin im Netz auf Gedenkseiten für verunglückte Kinder und Geschwister gestoßen. Da hatte ich meinen Weg gefunden."
Mit Hilfe einer anderen Betroffenen machte er sich ans Werk, lernte, wie man eine Homepage programmiert, verbrachte im November 2001 ganze Nächte am Computer. "Es kostete viel Überwindung", sagt er und erzählt von der Auswahl der Bilder, als der Sohn hundertfach vor ihm lag. Erzählt, wie er tränenüberströmt Fotos eingescannt hat. Erzählt, wie er die Gedanken der Freunde seines Sohnes eintrug und zwischen Rührung und grenzenlosem Schmerz schwankte.
Doch es geht Hartmut Schiermeier nicht nur ums Verarbeiten, wenn er fast täglich auf die Seite im Internet schaut. "Es ist auch ein Denkmal für Dominic." Und noch etwas ist dem Vater wichtig. "Andere finden auf der Seite Hilfe." Jedes Jahr gebe es wieder so viele tödliche Unfälle von Söhnen und Töchtern, Brüdern und Schwestern irgendwo in diesem Land.
Mehr als 64.000 Besucher haben die Seite inzwischen angesehen. Sie finden dort Links und Hilfsangebote wie den Termin für den jährlichen Gottesdienst in Obernbeck zum Gedenken an verstorbene Kinder. Den Gottesdienst hat Presbyter Schiermeier ins Leben gerufen und "es kommen Menschen aus der ganzen Region".
Dass Hartmut Schiermeier eine Form der Verarbeitung gefunden hat, heißt nicht, dass er damit durch ist. "Ich stehe oft am Fenster, starre hinaus, warte darauf, dass Dominic nach Hause kommt." Die Mutter pflegt Gedichte auf der Seite ein und neulich hat die inzwischen zwölfjährige Tochter gesagt, sie wolle auch etwas eintragen. "Sie erinnert sich zwar nicht mehr gut an Dominics Gesicht, aber seine Stimme habe sie noch im Ohr, hat sie mir verraten."
Manche Gedenkseite, auf die Hartmut Schiermeier damals stieß, gibt es nicht mehr. "Aber unsere bleibt", sagt er, diesmal mit klarem Blick: "Nur wer vergessen ist, ist wirklich tot."