Löhne. Zum Geburtstag des Enkels wollte der Großvater aus der Nähe von Leipzig nach Löhne kommen. Seine Tochter Jana Rothenroth fuhr zum Bad Oeynhauser Bahnhof, um ihn abzuholen. Doch der Großvater stieg nicht aus dem Zug. Wie sich später heraus stellte, saß Jana Rothenroths Vater bereits mindestens seit Hannover ohne Bewusstsein mit einem Zuckerschock im Erster-Klasse-Abteil. Erst in Köln fiel sein Zustand auf.
Jana Rothenroth: "Ich habe den Zugbegleiter gefragt, ob ihm vielleicht ein älterer, groß gewachsener Herr aufgefallen sei. Doch der Mann antwortete nur, er könne sich wirklich nicht jeden Fahrgast merken. Dann schlugen schon die Türen zu und der Zug fuhr weiter."
Erst etwa drei Stunden später, im Kölner Hauptbahnhof, wurde Jana Rothenroths Vater angesprochen: "Wo wollen Sie denn hin?" Der 77-Jährige kam kurz zu sich und antwortete benommen: "Nach Bad Oeynhausen."
"Es war jetzt wohl nicht mehr zu übersehen, dass etwas mit ihm ganz und gar nicht stimmte, deshalb wurde mein Vater von der Feuerwehr ins Marienhospital Köln gebracht. Dort stellte man einen Zuckerschock und 40 Grad Fieber fest", berichtet seine Tochter.
Jana Rothenroth verbrachte den Nachmittag in großer Sorge. Sie und ihre Schwägerin versuchten unzählige Male, ihren Vater auf dem Handy zu erreichen: "Wir haben natürlich gehofft, dass er nur den Zug verpasst hatte oder dass er einfach nur eingeschlafen war."
Stundenlang nahm niemand ihre Anrufe entgegen. Erst um 19.30 Uhr erhielt Jana Rothenroth einen Anruf ihrer Schwägerin: "Ich hatte gerade den Rettungsdienst am Apparat. Dein Vater ist in Köln im Krankenhaus."
Selbst eine Woche nach dem Ereignis ist die Löhnerin immer noch aufgewühlt über die abwiegelnde Haltung, die der Zugbegleiter ihr gegenüber an den Tag legte: "Ich habe ihm gesagt, dass mein Vater genau in diesem Wagen sein muss, denn im ganzen Zug gab es nur einen einzigen Erster-Klasse-Waggon." Diesen Hinweis habe der Zugbegleiter völlig ignoriert.
Jana Rothenroth sagt, sie verstehe ja, dass der Zugbegleiter vermutlich in Eile war, weil der Intercity bereits ein paar Minuten Verspätung hatte. "Aber dass er während der ganzen weiteren Fahrt nicht auf die Idee gekommen ist, mal nach meinem Vater Ausschau zu halten, das kann ich überhaupt nicht begreifen."
Schließlich sei der Vorfall an einem sehr heißen Sommertag passiert. "Jeder Bahnmitarbeiter hätte nach den vielen Hitze-Zusammenbrüchen, die in mehreren Zügen gerade erst passiert waren, alarmiert sein müssen", findet sie.
Auch versteht Jana Rothenroth nicht, dass der Zustand des Bewusstlosen stundenlang weder dem Zugbegleiter noch einem Mitreisenden auffiel: "Daran wird unsere fatale Wegguck-Mentalität deutlich", hadert sie.
Udo Kampschulte, Pressesprecher der Bahn in Köln, wollte ohne Rücksprache mit dem Zugbegleiter, der eine Woche in Urlaub ist, zu dem Fall noch nicht Stellung beziehen. "Ganz allgemein stehen unsere Zugbegleiter natürlich immer vor der Frage: Sollen sie einen Passagier ansprechen, wenn er den Eindruck erweckt, er schläft?" Falls Jana Rothenroths Vater hingegen längere Zeit in irgendwie unnatürlicher Haltung verharrt sei, so Kampschulte, dann sei er fest davon überzeugt: "Das wäre auf jeden Fall aufgefallen."
Jana Rothenroth bangte mehrere Tage lang um das Leben ihres Vaters, ehe sie die Nachricht erhielt: "Er ist über den Berg." Erst Anfang dieser Woche konnte sie wieder richtig mit ihm sprechen. "Mein Vater sagt, dass er sich nur noch an den Bahnhof Wolfsburg erinnern kann. Seine nächste Erinnerung stammt aus Köln."