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29.07.2010
LÖHNE
Stundenlang bewusstlos im Intercity
Jana Rothenroths Vater erlitt einen Zuckerschock
VON JÜRGEN NIERSTE

Türen vor der Nase zu | FOTO: NIERSTE

Löhne. Zum Geburtstag des Enkels wollte der Großvater aus der Nähe von Leipzig nach Löhne kommen. Seine Tochter Jana Rothenroth fuhr zum Bad Oeynhauser Bahnhof, um ihn abzuholen. Doch der Großvater stieg nicht aus dem Zug. Wie sich später heraus stellte, saß Jana Rothenroths Vater bereits mindestens seit Hannover ohne Bewusstsein mit einem Zuckerschock im Erster-Klasse-Abteil. Erst in Köln fiel sein Zustand auf.

Jana Rothenroth: "Ich habe den Zugbegleiter gefragt, ob ihm vielleicht ein älterer, groß gewachsener Herr aufgefallen sei. Doch der Mann antwortete nur, er könne sich wirklich nicht jeden Fahrgast merken. Dann schlugen schon die Türen zu und der Zug fuhr weiter."

Erst etwa drei Stunden später, im Kölner Hauptbahnhof, wurde Jana Rothenroths Vater angesprochen: "Wo wollen Sie denn hin?" Der 77-Jährige kam kurz zu sich und antwortete benommen: "Nach Bad Oeynhausen."

"Es war jetzt wohl nicht mehr zu übersehen, dass etwas mit ihm ganz und gar nicht stimmte, deshalb wurde mein Vater von der Feuerwehr ins Marienhospital Köln gebracht. Dort stellte man einen Zuckerschock und 40 Grad Fieber fest", berichtet seine Tochter.
Jana Rothenroth verbrachte den Nachmittag in großer Sorge. Sie und ihre Schwägerin versuchten unzählige Male, ihren Vater auf dem Handy zu erreichen: "Wir haben natürlich gehofft, dass er nur den Zug verpasst hatte oder dass er einfach nur eingeschlafen war."

Stundenlang nahm niemand ihre Anrufe entgegen. Erst um 19.30 Uhr erhielt Jana Rothenroth einen Anruf ihrer Schwägerin: "Ich hatte gerade den Rettungsdienst am Apparat. Dein Vater ist in Köln im Krankenhaus."

Selbst eine Woche nach dem Ereignis ist die Löhnerin immer noch aufgewühlt über die abwiegelnde Haltung, die der Zugbegleiter ihr gegenüber an den Tag legte: "Ich habe ihm gesagt, dass mein Vater genau in diesem Wagen sein muss, denn im ganzen Zug gab es nur einen einzigen Erster-Klasse-Waggon." Diesen Hinweis habe der Zugbegleiter völlig ignoriert.

Jana Rothenroth sagt, sie verstehe ja, dass der Zugbegleiter vermutlich in Eile war, weil der Intercity bereits ein paar Minuten Verspätung hatte. "Aber dass er während der ganzen weiteren Fahrt nicht auf die Idee gekommen ist, mal nach meinem Vater Ausschau zu halten, das kann ich überhaupt nicht begreifen."

Schließlich sei der Vorfall an einem sehr heißen Sommertag passiert. "Jeder Bahnmitarbeiter hätte nach den vielen Hitze-Zusammenbrüchen, die in mehreren Zügen gerade erst passiert waren, alarmiert sein müssen", findet sie.

Auch versteht Jana Rothenroth nicht, dass der Zustand des Bewusstlosen stundenlang weder dem Zugbegleiter noch einem Mitreisenden auffiel: "Daran wird unsere fatale Wegguck-Mentalität deutlich", hadert sie.

Udo Kampschulte, Pressesprecher der Bahn in Köln, wollte ohne Rücksprache mit dem Zugbegleiter, der eine Woche in Urlaub ist, zu dem Fall noch nicht Stellung beziehen. "Ganz allgemein stehen unsere Zugbegleiter natürlich immer vor der Frage: Sollen sie einen Passagier ansprechen, wenn er den Eindruck erweckt, er schläft?" Falls Jana Rothenroths Vater hingegen längere Zeit in irgendwie unnatürlicher Haltung verharrt sei, so Kampschulte, dann sei er fest davon überzeugt: "Das wäre auf jeden Fall aufgefallen."

Jana Rothenroth bangte mehrere Tage lang um das Leben ihres Vaters, ehe sie die Nachricht erhielt: "Er ist über den Berg." Erst Anfang dieser Woche konnte sie wieder richtig mit ihm sprechen. "Mein Vater sagt, dass er sich nur noch an den Bahnhof Wolfsburg erinnern kann. Seine nächste Erinnerung stammt aus Köln."

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Kommentare
Sie hätte ihn doch im Zug anrufen, und sicherstellen können, dass er drinsitzt bei Abfahrt. Dann hätte sie ja in Oeynhausen zur Not zusteigen können, und bereits in Bielefeld wäre ihrem Vater geholfen worden. Damit alles auf die Bahn zu schieben, macht sie es sich zu einfach.

Ganz klar, dass man nicht unterscheiden kann, ob eine Person schläft oder bewusstlos ist...
Aber es gibt während einer solchen Fahrt einen Schaffnerwechsel, der "neue" Schaffner will dann von jedem den Fahrschein sehen, egal, ob dieser vorher schon mal vorgezeigt wurde oder nicht...
Und hierbei werden auch die Schlafenden geweckt...
Das ist mir schon selbst oft passiert, dass ich die Augen zu gemacht habe und einfach ein bisschen dösen wollte... Jedes Mal kam ein Schaffner und hat mich am Knie oder sonst wo angestubbst und wollte eben mein Ticket sehen...

Am aller schlimmsten finde ich allerdings, dass man dem Schaffner den Vater beschrieben hatte und auch sagte, dass dieser in der ersten Klasse mitfährt....
Der Schaffner hätte sich keinen Zacken aus der Krone gebrochen gerade mal nach dem älteren Herrn Ausschau zu halten, zumal die erste Klasse ja nur aus einem Wagon bestand...

Hier ist meiner Meinung nach ganz klar eine Entschuldigung der Bahn und vllt sogar ein Schmerzensgeld fällig.

Fasse es mal kurz, liebe Fr. Rothenroth:
1. trifft hier bei diesem Thema NICHT die Schuld die Bahn, sondern Sie, ihren Vater bzw. Familie selbst... wie schon nun mehrfach geschrieben...
2. eine Begleitung Ihrerseits wäre viel sinnvoller gewesen oder man hätte der Bahn in Leipzig am Schalter eine Info hinterlassen, dass Ihr Vater in B.O. aussteigen muss, so einen Service kenne ich mittlerweile auch schon!

Hier die Schuld bei der Bahn zu suchen ist absolut nicht zielführend.

In diesem Sinne alles Gute für Ihren Vater und schnelle Genesung!

Dem Zugbegleiter ist kein Vorwurf zu machen. Er kann nicht jeden Fahrgast, der den Eindruck macht zu schlafen, wecken. Es ist auch nicht seine Aufgabe, alle fahrgäste ständig zu kontrollieren, ob sie nur schlafen (und dabei aufzuwecken) oder ggf. den Gesundheitszustand zu prüfen.

ich will dem alten Herrn keinen Vorwurf machen, aber jeder Diabetiker, der in ärztlicher Behandlung ist, weiß um das Risiko einer Unterzuckerung und hat dafür immer eine sogen. Kurzmahlzeit dabei (z.B. eine Packung Traubenzucker).
Wenn die Tochter so um Sorge für ihren Vater ist, hätte sie sich schon zum Zeitpunkt, als ihr Vater in Leipzig eingestiegen ist, telefonisch bei ihm melden müssen. Dann hätte sie definitiv gewusst, dass er im Zug war, sie hätte in Blfd. in den Zug gehen können und wäre durch den Wagen 1. Klasse gegangen und hätte ihn gefunden.

Vielleicht sollten sich die Kritiker erstmal mit den Symptomen eines Zuckerschocks befassen, bevor hier kuenstliche Erbostheit an den Tag gelegt wird. Ein Laie wahrscheinlich auch kein Arzt kann einen Zuckerschockpatienten als solchen ohne echte Untersuchung erkennen. Eine Bewusstlosigkeit ist mit dem Schlafzustand vergleichbar. Was also erwarten die Kritiker eigentlich von der Bahn? Sollen die Zugbegleiter jetzt 2 Semester Medizin studieren und jeden schlafenden Kunden ungefragt untersuchen? Vielleicht ist hier auch mal ein wenig Eigenverantwortung notwendig. Warum laesst die Tochter ihren offensichtlich hilfsbeduerftigen Vater die lange Reise allein mit der Bahn unternehmen? Warum holte sie ihn nicht ab oder sorgte fuer eine Begleitung? Jeder weiss, die Bahn macht reichlich Fehler, aber in diesem Fall kann ich ueber diese extrem hohe Kundenforderung nur schmunzeln. Es ist ja mittlerweile Mode die Eigenverantwortung und Schuld im Fall der Faelle auf andere abzuschieben.



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