Zum Welttag des Stotterns berichten drei Betroffene über ihre Erfahrungen im Alltag
Löhne. "Wir reden einfach gerne." Was Birgit Malinka aus Löhne und Corinna und Hartmut Holstein aus Bad Oeynhausen so selbstverständlich sagen, ging ihnen lange Zeit nicht so leicht über die Lippen: Die drei stottern seit ihrer Kindheit - und hatten gerade in jungen Jahren mit den sozialen Auswirkungen ihres Sprachfehlers zu kämpfen.
Schüchtern, zurückgezogen, unsicher - so waren sie in ihren Jugendjahren. "Das Stottern begann bei mir mit drei oder vier Jahren. Wie bei fast allen Eltern zu der damaligen Zeit hieß es auch bei mir zu Hause: Sprich’ doch mal langsam, bemüh’ dich doch einfach mal", sagt Birgit Malinka. Die typische Reaktion von Gesprächspartnern, wenn die 44-Jährige stotterte, - "jetzt bleib’ doch mal ruhig" - ärgerte sie jedes Mal. "Das war Dauerstress. Es hatte den Anschein, als wollte ich einfach nicht richtig sprechen", sagt die Löhnerin.
Stottern kann durch mehrere Faktoren ausgelöst werden, etwa durch eine fehlende Koordination der Sprechmuskeln, durch Erlebnisse in der Kindheit oder durch eine Erbanlage. Nicht immer ist der Redefluss der Stotternden unterbrochen, manchmal - etwa zu Hause - fließen die Worte ganz normal. Ein Segen, der zugleich ein kleiner Fluch sein kann. "Wenn es manchmal gut läuft, glaubt die Umwelt, dass ich sonst einfach zu blöd zum Sprechen bin", sagt Birgit Malinka.
Eine Erfahrung, die auch Corinna Holstein während ihrer Schulzeit immer wieder machen musste. Zu Beginn eines Schuljahres gab es jedes Mal die gleiche Hürde: Die Vorstellungsrunde beim Lehrer. "Ich habe mich jedes Mal schon vor der Stunde bei ihm vorgestellt", sagt die 42-Jährige. Meist klappte das Sprechen am Pult beim Lehrer sehr gut, sodass es so schien, "als wäre ich der Streber mit Sonderbehandlung." Das traf es jedoch überhaupt nicht - es war das Stottern, das in Stresssituationen schlimmer wurde.
"Vermeidungsverhalten" nennen es Stotternde, wenn sie Dinge einfach nicht tun: "Als Teenie will man auf andere wirken, man möchte Rückmeldung haben. Deshalb habe ich mir viele soziale Kontakte einfach verboten", sagt die 42-Jährige. Ihre Schulnoten erhielt sie fast durchweg über ihre Leistungen im schriftlichen Bereich. "Im Erdkundeunterricht habe ich mich nur gemeldet, wenn ,Clermont Ferrand' dran kam, denn das konnte ich ohne Verzögerungen sprechen", sagt Corinna Holstein. Und dann gab es auch noch die ganz alltäglichen Dinge. "Ich habe nicht telefoniert, mich nicht ins Café gesetzt und keine Brötchen bestellt", sagt die Bad Oeynhausenerin. "Damals gab es noch nicht so viele Selbstbedienungstheken", fügt Birgit Malinka hinzu.Weil sie sich zu Hause gut wehren konnte, musste Corinna Holstein viele Dinge einfach nicht tun. "Das macht das Ganze im Endeffekt aber nur noch schlimmer." Bei ihrem Ehemann Hartmut war das anders - er konnte sich etwa vor dem Bäckerbesuch nicht verstecken. Geeignete Therapien haben ihm Mitte der 70er Jahre geholfen, das Problem besser in den Griff zu bekommen. "Ich war damals in einer Sprachheilschule in Braunschweig. Danach konnte ich deutlich flüssiger sprechen", sagt der 54-Jährige. Manche Techniken von damals helfen ihm noch heute weiter: "Wenn ich in schwierige Situationen komme, tippe ich unauffällig mit den Fingern im Takt."
Birgit Malinka und Corinna Holstein fanden mit etwa 18 Jahren in einer Logopädie-Therapie den richtigen Anlaufpunkt. "Die war zwar wirklich fies und gemein, aber danach ging’s mir besser", sagt Birgit Malinka. Das typische Café-Problem wurde in den Sitzungen wieder hervorgekramt - doch diesmal war das Vermeiden verboten. "Es war keine Sprachbehandlung, sondern wir haben die Ursachen gesucht", sagt Corinna Holstein, die in ihrer Kindheit beim Sprechen oft verbessert wurde und wenig Selbstvertrauen hatte. "Mit und durch die Therapie bin ich erwachsen geworden."
Über die Logopädin erhielten Birgit Malinka und Corinna Holstein Kontakt und trafen sich Ende der 80er Jahre häufiger in einer Selbsthilfegruppe in Bad Oeynhausen. Dort haben sich auch Corinna und Hartmut Holstein kennengelernt - als die Mitglieder der Gruppe nach und nach andere Pläne hatten, blieben nur die zwei - "es war die schwindende Selbsthilfegruppe ins Glück".
Heute gehen alle drei viel selbstbewusster mit ihrer Schwäche um und vermeiden das Vermeiden bewusst. "Ich arbeite als Versorgungsassistentin im Krankenhaus, da muss ich eben viel reden und telefonieren", sagt Corinna Holstein. Nur beim Elternabend ihrer Kinder fällt ihr das Vorstellen noch ein wenig schwer - "ich gehe trotzdem nicht mehr vorher zum Lehrer".
Für Birgit Malinka als Buchhalterin ist das Telefonieren mittlerweile ebenfalls total normal geworden. "Mein Chef fragte mich neulich, warum ich ständig anrufe und nicht mal eine Mail schreibe. Das wäre jedoch Vermeidungsverhalten - und außerdem mag ich den persönlichen Kontakt zu meinen Kunden."