Löhne. Mitternacht naht. Im Hinterzimmer des spanischen Restaurants "Zur Traube" wartet ein Prominenter auf Rumpsteak mit Salat Nizza: Reinhold Beckmann. Der Fernsehstar telefoniert leise mit seiner Frau: "Die Leute haben stehend mitgesungen. Wir mussten dreimal raus. Es war toll!" Dabei leuchten die Augen des 55-Jährigen wie die eines kleinen Jungen, der seiner Mutter vom Torerfolg beim Fußball erzählt. Doch was Beckmann und seine Band erlebt haben, war eher ein Kantersieg.
Warten auf die erste CD
Trotz der Begeisterung auf den Konzerten will Reinhold Beckmann seine Musikkarriere "ganz langsam angehen". Deshalb gibt es auch noch keine CD mit seinen Liedern. "Dabei hätten wir heute bestimmt 40 Stück verkaufen können", wie Dirk Hinke sagte. "Vielleicht nächstes Jahr", sagt Beckmann. Doch da stehen Fußball-EM und Olympische Spiele für den Sportmoderator an. "Wenn ich beides mache, wird nicht sehr viel Zeit für Musik bleiben." Lieder für weitere Auftritte gäbe es genug. "Ich habe sechs Stück zu Hause, die wir noch gar nicht live spielen", so Beckmann. Auch Löhne erlebte zwei Premieren, die bislang nur geübt worden waren.
Zwei Stunden zuvor haben 200 Leute in der Werrtalhalle vor der Bühne gestanden und mit Beckmann dessen Lied "Bremen" gesungen. Genauer gesagt sangen sie zwei Varianten, denn es gab das Lied auch als Hymne für Löhne. Der Abschluss des Konzertes des Neu-Sängers Beckmann ist die Krönung eines Abends, der wohl unvergesslich bleiben wird. Nicht nur fürs Publikum.
Mancher, der an diesem Abend in Saal 2 Platz genommen hat, raunt dem Nachbarn zu: "Kann der überhaupt singen?" Natürlich steht diese Frage im Raum, wenn sich ein Fußballexperte und Talkshow-Master auf eine Bühne wagt. Die Antwort: Ja, kann er! Der Mann traut sich zu Recht sogar gefühlvolle Balladen zu.
Doch zunächst fordert er das Publikum heraus: "Eine Kollegin aus Herford hat gesagt: Was, in Löhne singst du? Die gelten als unknackbar." Diesen Vorwurf will niemand stehen lassen. Bemühen müssen sich die Zuhörer nicht. Beckmann sorgt mit seinen vier brillanten Musikern Claas Überschär, Thomas Biller, Helge Zumdieck und Andreas Dopp selbst für den Gegenbeweis. Das Quartett begleitet den Sänger nicht nur mit simplen Akkorden, sondern spielt Jazz, Bossa Nova und lässt beim Italiensong Mandolinenklänge durch die Halle flattern.
So haben die Leute den Beckmann nicht erwartet. Ohne Brille, im Jeanshemd, das lässig über der Hose hängt. Und vor allem angriffslustig, charmant und mit beißender Ironie. Schnell ist klar – da hat sich einer beim Schreiben seiner Texte ausgelebt. Hat manches formuliert, was er im Fernsehen nie sagen würde.
Von vergifteten Liebesliedern spricht er, verfrachtet Silvio Berlusconi in den Kofferraum seines Wagens (hier gibt es die ersten Jubelrufe aus dem Saal), besingt Charlotte die Metzgerstochter mit dem tiefen Dekolleté und macht sich als Hypochonder lächerlich (ich bin heut schon zweimal gestorben).
Das Spiel um die Gunst des Publikums ist längst entschieden, als Reinhold Beckmann zum "Tor des Monats" ansetzt. Er singt "Bremen", ein Lied, "das sich bei unseren Konzerten als der Hit abzeichnet". Es geht um eine Fahrt mit einer Freundin im VW Käfer nachts durch die Hansestadt. Da traut sich Beckmann die Unknackbaren per Geste zum Mitsingen aufzufordern. Weil das Publikum längst geknackt ist, singt es mit. "Noch einmal, einmal mit dir nachts durch Bremen." Der Lohn folgt: Der Käferfahrer ändert den Refrain: "Noch einmal, einmal mit dir nachts durch Löhne."
Genau dieses Lied wollen die Leute am Ende bei der dritten Zugabe noch einmal mit ihm nachts in Löhne singen. Und sie tun es. Stehend und mitklatschend.
Nach diesem "emotionalen Erlebnis" muss Reinhold Beckmann hinter der Bühne kurz in eine andere Paraderolle schlüpfen. Blick aufs Handy: "Wie ist das Abendspiel der Bundesliga ausgegangen?" Hamburg hat nach 0:2 ein Remis in Leverkusen erkämpft. Der Wahlhamburger nickt zufrieden.
Später am Abend im Restaurant ist es eher der Talkmaster Beckmann, der das Gespräch mit Band und Kulturmacher Dirk Hinke weder dominiert, noch sich selbst gern reden hört. Zurückhaltend, ein wenig müde und doch mit viel Interesse an den Geschichten der anderen genießt Beckmann die Runde.
Dann kommt Kellnerin Vanessa: "Die Chefin bittet Sie, etwas auf diesen Teller zu schreiben. Aber schön ordentlich, denn es geht nicht wieder ab." Treffer für Vanesssa, die Tischrunde lacht. Reinhold Beckmann schreibt auf Spanisch einen netten Gruß. Der bringt ihm beim Abschied eine herzliche Umarmung von Maria, der Restaurantchefin, ein. Sie lieben ihn eben, die Löhner.