Bünde. Nach dem blutigen Amoklauf des Dapema-Geschäftsführers und Gesellschafters Ralf H. (55) aus Kirchlengern hat ein Richter gestern gegen den Beschuldigten Haftbefehl wegen versuchten Totschlags in vier Fällen erlassen.
Wie die Bielefelder Staatsanwaltschaft bestätigte, war Ralf H. am Dienstagmittag in das Gebäude der Personalservice-Agentur Dapema in Bünde-Dünne gestürmt und hatte mit einem Revolver der Marke Smith & Wesson das Feuer auf mehrere Personen eröffnet. Der mutmaßliche Täter, der später auf dem Firmengelände noch mit der Waffe in der Hand von der Polizei festgenommen wurde, habe "etwa 17 Schüsse abgefeuert", sagte Staatsanwalt Christoph Mackel dieser Zeitung. "Das bedeutet, dass er nachgeladen haben muss", so der Ermittler.
Die Kugeln trafen insgesamt vier Personen, die sich in einem Tagungsraum versammelt hatten. Der Dapema-Gesellschafter Andreas B. (44) erlitt einen, dessen Ehefrau (42) zwei Bauchschüsse. Der zweite Gesellschafter der Unternehmensgruppe, Ralf F. (45), wurde von einer Kugel gestreift, ein ebenfalls anwesender Rechtsanwalt (30) erlitt einen Schulterdurchschuss. Die Frau befindet sich noch in Lebensgefahr.
Der Täter habe dass Feuer offenbar bereits durch die geschlossene Tür eröffnet, sagte Staatsanwalt Mackel. Allem Anschein nach befand sich Ralf H. in einem Zustand hochgradiger Erregung. Nach Recherchen der Ermittler hatten die beiden Mitgesellschafter Andreas B. und Ralf F. ihm kurz zuvor noch über den Rechtsanwalt zwei Schreiben präsentiert, auf denen seine Ablösung als Geschäftsführer fixiert war.
Daraufhin soll Ralf H. umgehend nach draußen zu seinem Auto gerannt und daraus den Revolver geholt haben. Dem Vernehmen nach hatte man kurz zuvor auch H.’s Ehefrau, die ebenfalls bei Dapema beschäftigt war, die Kündigung überreicht und ihr Hausverbot erteilt.
Wie Nachbarn und Beschäftigte berichten, soll Ralf H. in der letzten Zeit kaum noch im Unternehmen gewesen sein. Nur ab und an habe man ihn gesehen.
Bislang stellt es sich so dar, als hätten tiefe Zerwürfnisse und lang anhaltende Streitereien zwischen den Firmeninhabern letztlich zu dieser Bluttat geführt. Dieser Ansicht ist auch Rechtsanwalt Detlev Binder, der Ralf H. verteidigt. Sein Mandant habe sich "mit den beiden Mitgesellschaftern Andreas B. und Ralf F. in einer wirtschaftlichen Schicksalsgemeinschaft befunden" und sich von ihnen "gedemütigt gefühlt". Deshalb sei er "ausgerastet", sagt Binder. Vor dem Haftrichter hüllte sich Ralf H. gestern in Schweigen. Gegenüber der Polizei hatte er zunächst spontan geäußert, er habe sich seiner Zukunft beraubt gesehen.Nach Recherchen dieser Zeitung wurde die Deutsche Agentur für Personal-Management (Dapema) am 10. Mai 2005 gegründet. Als Geschäftsführer wurden Andreas B., Ralf F. und der nun Beschuldigte Ralf H. eingetragen.
Angeblich soll Ralf H. bereits Anfang der neunziger Jahre als Unternehmer tätig geworden sein und Andreas B. sowie Ralf F., die er aus geschäftlichen Beziehungen kannte, später als Gesellschafter mit ins Unternehmen genommen haben.
Die Gründe dafür, dass es zum Zerwürfnis kam, sind unklar. Offenbar hatte Ralf H. schon länger das Gefühl, dass seine Geschäftspartner nicht mehr zu ihm standen - auch wirtschaftlich ging es bergab, so dass am 3. November am Amtsgericht Bielefeld schließlich sogar ein Insolvenzantrag für die Dapema GmbH gestellt werden musste. Ein schwerer Schlag für den Mann, der von Bekannten als leicht aufbrausend und cholerisch beschrieben wird.
Wie aus sicheren Quellen verlautete, fühlte sich Ralf H. von seinen Geschäftspartnern sogar bedroht. Anlass dafür war offenbar die Tatsache, dass vor einiger Zeit sein Carport und ein Auto von Unbekannten in Brand gesteckt worden war. Möglicherweise könnte hier auch das Motiv dafür liegen, dass sich Ralf H. eine Waffe besorgte.
Für den Revolver der Marke Smith & Wesson habe er jedenfalls "keinen Erlaubnisschein besessen" sagte Staatsanwalt Christoph Mackel. Deshalb werde gegen ihn auch wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz ermittelt.
Die Arbeit der Seelsorger
Neben dem Rettungsdienst und der Polizei waren am Tattag auch sieben Notfallseelsorger vor Ort, die die rund 35 Mitarbeiter sowie die Familie des 55-jährigen mutmaßlichen Täters betreuten.
Nach Angaben von Philip Hergt, dem Koordinator der Notfallrettung vom Diakonischen Werk Herford, sei es zunächst wichtig gewesen, als Ansprechpartner da zu sein, zuzuhören und Informationen über den Ablauf des Polizeieinsatzes zu geben. "Es ist nötig, sich mit der Situation auseinanderzusetzen", sagt Koordinator Philip Hergt.
Am Tag nach dem Schusswechsel kamen Mitarbeiter, Rettungskräfte und Seelsorger noch einmal zusammen. Für die weitere Betreuung seien Kontakte zu Ärzten, Gemeindepfarrern und Opferberatungen hergestellt worden, heißt es.