Wiedereröffnung nach Sommerferien / Streit um Ursache geht weiter / Fachmann erhebt Vorwürfe
Löhne. Die Wiedereröffnung der Musikschule verzögert sich erneut: Statt wie zuletzt erhofft im Frühjahr wird die Einrichtung erst Ende August wieder in Betrieb gehen. Das haben Stadtverwaltung und Bauherr so vereinbart. Zuvor muss das Gebäude saniert werden. Umstritten bleibt die Frage nach der Ursache für die Styrolbelastung der Raumluft. Und in einem anderen Punkt erhebt ein Baufachmann sogar schwere Vorwürfe.
Seit April 2011 ist die Musikschule geschlossen. Mehrere Schadstoffe waren in erhöhter Konzentration aufgetreten. Hauptproblem blieb Styrol. Im Herbst erklärte die "Stiftung für Kunst und Baukultur Britta und Ulrich Findeisen", dass man die Quelle gefunden habe. "Das Styrol stammt aus den Dämmplatten im Boden", so Sprecher Nikolaus Zumbusch. Eine These, die er jetzt bekräftigt hat: "Wir gehen weiterhin von dieser primären Quelle aus."
Bis zu 240 Mikrogramm Styrol pro Kubikmeter Luft waren gemessen worden. Ab 300 besteht Gesundheitsgefahr. Als dauerhaft unbedenklich gelten 30. Die drei Lieferanten der Dämmplatten, die Firmen Knauf, Lippstädter Hartschaum und Philippine Eps, widersprechen der Darstellung der Stiftung. Eine derart hohe Konzentration sei allein aus den Platten nicht abzuleiten, erklärten sie auf Anfrage der NW. "Viele andere Komponenten beim Bau enthalten auch Styrol", betonte gestern Ulrich Dreisewerd von der Lippstädter Hartschaumverarbeitung GmbH.
Unterstützung erhält die Theorie der Stiftung dagegen von Matthias Lange vom Sentinel-Haus-Institut in Freiburg, das sich mit Wohngesundheit befasst. "Wir kennen das Phänomen, dass Dämmplatten über lange Zeit Styrol ausgasen." Das sei allerdings noch "weitgehend unerforschtes Terrain" in der Bauphysik. "Das Styrol tritt nur an den Rändern aus den Fugen aus. Der Rest der Platten ist in der Regel abgedichtet."
Chemisch gesehen wird der Ausgangsstoff Styrol bei der Verarbeitung zu Styropor (Polystyrol) gebunden. "Es bleiben aber immer sogenannte Restmonomere, die sich dann lösen können", erläutert Michael Obeloer vom Ingenieurbüro Biomess. Mehr wollte er nicht sagen, weil er als einer der beiden Gutachter im Fall der Musikschule tätig ist.
Paradoxerweise bleiben die als Hauptquelle angegebenen Dämmplatten aber in der Musikschule. Sie werden mit einer Folie abgedeckt. Die Randfugen werden abgeklebt. So soll verhindert werden, dass weiterhin Styrol ausgast. Austauschen wolle man die Platten nicht, denn "dann haben wir es ja wieder mit einem neuen Material zu tun, das reagieren könnte", so Nikolaus Zumbusch. Über der Folie wird der Estrich wieder eingebracht, darauf der neue Oberboden der Firma Nora Systems.
Saniert werden müssen alle Räume. "Die Gesamtkosten kennen wir noch nicht, aber sie werden von der Stiftung getragen", so Sprecher Zumbusch.
Teil der Sanierung ist auch der Einbau einer Lüftungsanlage. Doch wofür wird die gebraucht, wenn der Boden künftig sicher ist? "Notwendig wäre sie nicht, aber wir wollen den Luftaustausch verbessern", so Zumbusch. Ganz anders sieht das Matthias Lange vom Sentinel-Haus-Institut. "Dass eine Einrichtung mit so viel Publikumsverkehr überhaupt ohne Lüftungsanlage gebaut wurde, ist unseriös und fahrlässig."
Die Stiftung hatte ihrerseits sogar moniert, dass in der Musikschule zu wenig gelüftet worden sei und deshalb die Schadstoffkonzentration noch höher ausgefallen sei.
Ist die Sanierung abgeschlossen, soll es Kontrollmessungen durch das Büro Biomess und das Bremer Umweltinstitut geben. Der Stadtverwaltung reicht das aus: "Wir vertrauen den Fachleuten", erklärte Bürgermeister Heinz-Dieter Held. Ein eigenes Gutachten seitens der Stadt hält er nicht für notwendig.