FOLGE 7: Stehklo, Kacheln und ein kaltes Bett – das Gewahrsam der Lübbecker Polizeiwache
Lübbecke. Vincent van Gogh hat seine Bilder gerne betrunken gemalt. Andere scheint der Alkohol nicht so sehr zu inspirieren. Das lassen zumindest die Sprüche und Illustrationen auf der Tür-Innenseite der Ausnüchterungszelle vermuten. Aber die meisten, die hier herkommen, sind mit ihren Gedanken gerade ohnehin nicht bei den schönen Künsten.
So wie der Mann, der vergangene Nacht zu Gast war. "Der hatte wohl keine Lust, aufs Klo zu gehen", sagt Polizeihauptkommissar Joachim Runow und schließt mit einem archaisch anmutenden Schlüssel die schwere, metallene Tür zur Zelle auf. "Die Putzfrau musste ganz schön kämpfen, um das wieder sauber zu bekommen."
Ansonsten scheint Sauberkeit im "Polizeigewahrsam", wie der Ort offiziell heißt, kein Problem zu sein. Pessimisten würden das Ambiente vielleicht sogar als steril bezeichnen: Die weißen Kacheln an den Wänden stehen in Kontrast zu den roten Steinen des Fußbodens. Durch gepanzerte Scheiben aus milchigem Glas fällt ein recht fahler Schein, nachts – wenn die meisten "Gäste" kommen – spenden ein paar Neonröhren hinter einer weiteren Panzerglasscheibe weißes Licht. In der Ecke befindet sich ein gemauerter Podest – das Bett. "Die meisten bekommen noch eine Matratze zum Hinlegen", sagt Runow. Wer allerdings einen Hang zur Zerstörung von Matratzen habe, müsse auf dem nackten Boden schlafen. "Aber wir haben ja eine Heizung", sagt der Kommissar.
Komfort, der einigen Kunden nicht zur Aufhellung ihrer Stimmung gereicht: Formulierungen, die die Missbilligung von Polizeibeamten zum Ausdruck bringen, überziehen die Wand. An anderer Stelle wechseln sie sich mit politischen Parolen und schlüpfrigen Bemerkungen ab. "Hier hat wohl einer versucht, ein Hakenkreuz zu malen", sagt Runow und zeigt auf eine Zeichnung, die nur sehr entfernt an das Symbol der Nationalsozialisten erinnert.
Wer mehr Wert auf Etikette legt, als der eingangs erwähnte Unbekannte, kann seine Notdurft in einem französisch angehauchten Stehklo aus Metall verrichten. "Hat doch ein bisschen was von Urlaub im Süden", findet Joachim Runow. Etwa einen Meter neben der Lichtschranken-Spülung befindet sich ein Alarmknopf, der im Zimmer des Wache schiebenden Beamten ein Signal auslöst.
Seine Kollegen, erklärt Runow, kämen ohnehin regelmäßig vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Ihre Waffen müssen sie dabei abnehmen – auch zu ihrem eigenen Schutz. Manche "Gäste", so gibt Runow zu verstehen, gebärten sich über die Maßen unfreundlich. "Die bekommen dann Fußfesseln angelegt – damit werden sie notfalls am Bett befestigt. Zur Fixierung seien dort extra ein paar Ösen angebracht.
"Zum Blasheimer Markt wird’s hier bestimmt wieder voll", befürchtet Runow und schiebt eine weitere Tür zu einer Art Gemeinschaftszelle auf. Anstatt eines gemauerten Schlafgemachs gibt es in diesem viel größeren Raum massive Bänke aus Holz. "Aber leider kein Klo", sagt Joachim Runow, "wer den Drang verspürt, ruft den wachhabenden Beamten." Hoffentlich.