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24.12.2009
PR. OLDENDORF /BÜNDE
"Im Wasser fühl ich mich normal"
Bei der Schwimm-WM der Behinderten holt Maike Schnittger zwei Bronzemedaillen - sie ist fast blind
VON ANNE WEBLER

Beim Schwimmen | FOTO: TYLER LARKIN

Pr. Oldendorf /Bünde. Maike steigt auf den Startblock, es ist ihr letztes Rennen bei der Schwimm-WM in Rio, 100 Meter Freistil. Sie blickt hoch, als würde sie ihren Vater auf der Tribüne suchen, doch der sitzt 9.700 Kilometer entfernt in Pr.Oldendorf. "Gib mir Kraft, Papa", denkt Maike und geht in die Hocke, ihre Fingerspitzen berühren die Zehen, ihre Rückenmuskeln spannen sich über den Schulterblättern. Wie ein Klappmesser schnellt sie auseinander und taucht sauber ins Wasser ein.

Wer es nicht weiß, würde nie ahnen, dass Maike fast nichts sieht. Sie kann hell und dunkel unterscheiden und erkennt verschwommen die Umrisse von Dingen, die nicht weiter als 50 Zentimeter weit weg sind. Wenn Maike an sich runter schaut, verschwinden ihre Füße im Nichts. Beim Schwimmen orientiert sie sich am schwarzen Balken am Beckenboden, den sieht sie schemenhaft. Da, wo er im T endet, setzt sie die Wende an, denn kurz dahinter kommt die Wand.

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Bei 400 Metern schwimmt Maike 4:30 bis 5 Minuten. "Das tut weh und zerrt an der Psyche", sagt ihr Vater und Trainer Rainer Schnittger. Doch zäh zu sein und nicht aufzugeben, wo andere kapitulieren, hat Maike gelernt. Die WM in Brasilien ist bislang ihr größter Erfolg. Doch bis dahin war es ein harter Kampf. Gegen ihre Krankheit – und gegen sich selbst.

2004 konnte Maike eines Tages im Schulunterricht die Tafel nicht mehr erkennen. Kein Problem, du brauchst ’ne Brille, sagte der Vater. Der Augenarzt stellte fest, dass etwas mit den Augen der 10-Jährigen nicht stimmte, fand aber nicht heraus was. Die Familie pilgerte von Arzt zu Arzt, bis ein Professor an der Uni-Klinik in Münster die Diagnose stellte: Zapfen-Dystrophie. Bei dieser Erbkrankheit sterben die Zapfen im Auge nach und nach ab. Sie sind die am höchsten entwickelten Sehzellen des menschlichen Auges. Mit ihnen sieht der Mensch scharf und Farben.

Im Sommerurlaub 2005 verlor Maike in drei Wochen 50 Prozent ihrer Sehkraft. Ein Jahr später sank ihr Sehvermögen auf 20 Prozent, 2007 auf 7 Prozent, seit dem Sommer 2008 ist sie bei 1,9 Prozent. Wenn ihr Vater vor ihr steht, sieht sie nur seinen Umriss, sein Gesicht ist ein schwarzer Fleck. Denn die Zapfen sind auch für das Sehen in der Bildmitte zuständig. Als Maike die Diagnose bekam, schwamm sie im NRW-Kader und hatte sich gerade für die NRW-Meisterschaften qualifiziert. Sie hatte sich, vor der Diagnose, einen Platz unter den ersten zehn ausgerechnet, nun landete sie auf Platz 16. "2006 war ein riesen Loch", sagt Rainer Schnittger. Ein Jahr lang schwamm Maike nur ein paar leichtere Wettkämpfe, überlegte, ganz aufzuhören mit dem Leistungssport. "Ich war schlecht, es ging vom Kopf her nicht", sagt sie. Sie wollte schwimmen, schließlich schwamm sie Wettkämpfe, seit sie sechs Jahre alt war. Aber sie wollte siegen, gut sein, nicht blind oder sehbehindert. Es dauerte zwei Jahre, bis Maike neuen Mut schöpfte. 2007 wechselte sie in den Behindertensport. "Da hat sich alles eingerenkt."Heute schwimmt sie im A-Kader der Nationalmannschaft des Deutschen Behindertensportverbands und ist dort mit 15 Jahren die Jüngste. In diesem Jahr war sie drei Monate unterwegs, auf Wettkämpfen und Trainingslagern. Bei der EM in Island holte sie eine Silbermedaille, bei den Deutschen Meisterschaften sechs Mal Gold, bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften neun Mal Gold, war fünfmal Landesmeisterin und viermal OWL-Meisterin der Nicht-Behinderten. Deutschlandweit kann sie es in ihrem Jahrgang, 1994, mit den besten zwanzig aufnehmen. In der Schule hat sie trotzdem in allen Fächern eine eins oder zwei, gehört zu den Besten der Klasse 10b des Gymnasium Rahden.

Beim TG Ennigloh in Bünde trainiert Maike fünf Mal die Woche, als einzige aus dem Nationalkader mit Nichtbehinderten. "Was soll ich mit Behinderten schwimmen? Das ist doch kein Anreiz", erklärt sie. Doch für Maike bedeutet das Schwimmen nicht nur Leistung zu zeigen und sich zu messen. "Das Schwimmen ist das Wichtigste für mich", sagt sie. Außerhalb des Beckens falle ihr ständig auf, was sie nicht kann. Im Wasser reagiert sie sich ab, hat Spaß. "Sobald ich im Wasser bin, vergesse ich, dass ich fast blind bin. Ich fühle mich, als wär ich normal."

Im 100-Meter-Freistil-Finale in Rio holte Maike ihre zweite Bronze-Medaille. Vater Rainer saß mit Mutter Marion und Schwester Maja in Pr.Oldendorf vor dem Computer und verfolgte das Rennen live am Bildschirm. Als die Uhr bei 1.02,94 stehenblieb, fielen sie sich um den Hals. Maike war persönliche Bestzeit geschwommen.

Maike träumt davon, bei den olympischen Spielen 2012 in London zu starten. "Oben auf dem Treppchen zu stehen, wäre toll", sagt sie und lächelt. "Vielleicht ist 2012 auch noch zu früh für eine Medaille. Aber dann 2016." Maike hat noch viel Zeit, sie ist erst 15. Den Kampf gegen ihre Krankheit hat sie gewonnen. Auf ihre Weise.
     


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