Wer auf Rollstuhl, Rollator oder Stützen angewiesen ist, schiebt zur Zeit freiwillig Hausarrest
Lübbecke. Das Telefon steht nicht still. Bürger beschweren sich im Rathaus über verstopfte Gehwege oder glatte Straßen. Die meisten muss Ulrich Brune (Bauverwaltung) vertrösten. Oder sie daran erinnern, dass zunächst einmal jeder vor seiner eigenen Tür kehren muss. Wer aber richtig festsitzt und eigenhändig kaum die Pflichten des Winterdienstes erfüllen kann, sind Menschen mit Behinderungen. Sie müssen zur Zeit unfreiwilligen Hausarrest verbüßen.
Einer von ihnen ist der stellvertretende Bürgermeister Burghard Grote. Ins Rathaus geht er zur Zeit nicht. Allein die Vorstellung, mit dem Rollstuhl den Berg hinauf und - noch schlimmer - wieder hinunter zu seiner Wohnung in der Fußgängerzone fahren zu müssen. Per Auto geht’s auch nicht: Das steht auf dem Behinderten-Parkplatz, blockiert von Schneehügeln. Grote erreicht es nicht.
"Ich fahre im Moment nirgendwo alleine hin", sagt Grote. Auch mit Gehstützen bewegt er sich nicht draußen - aus Angst zu fallen. "Jeden Winter lande ich ein Dutzend Mal auf dem Hintern. Ich bin jetzt langsam in dem Alter, wo es nicht mehr lustig ist, wenn ich mir was breche."
Aber auch dort, wo geräumt und Salz gestreut wird, kommt der 63-Jährige nur schwer von der Stelle. Der Rolli bleibt im Matsch stecken, rutscht weg, die Räder blockieren, die Griffreifen verschmutzen. "Besser wäre es, wenn Splitt oder Sand gestreut würden", sagt Grote.
Wer einen Rollator oder einen Elektrowagen braucht, um mobil zu bleiben, kommt kaum besser voran. Gestern wagten sich ein paar ältere Damen mit Gehwagen Schritt für Schritt durch die Lange Straße, vorsichtig darauf bedacht, nicht zu stürzen. "Ich bin froh, dass die Stadt in der Mitte den Schnee beseitigt hat. Sonst müsste ich mich schon bei Ceka links einordnen, wenn ich zu Kolck abbiegen will", scherzt Grote. Richtig gefährlich wird’s, wenn Menschen mit Handicaps oder Eltern mit Kinderwagen auf die geräumte Fahrbahn ausweichen, weil die Gehwege dicht sind.
Im Seniorenrat waren der Winterdienst und die Sorgen älterer Lübbecker bereits beim ersten Schneefall im Dezember Thema. Ein großes Problem, das sich jetzt sichtbar als Schneeberg auftürmt: Viele Bürger kommen ihrer Räumpflicht nicht nach.
Das stellt auch Ulrich Brune fest und erinnert: "Überall, wo Häuser stehen, müssen Eigentümer oder Mieter für freien Fußgängerverkehr sorgen." Das sei nicht Aufgabe der Stadt. Brune räumt allerdings ein: "Es ist nicht immer möglich, Wege in einem solchen Zustand zu halten, dass sie auch von Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, gefahrlos genutzt werden können."
Wenn die Stadt ihren Räum- und Streuplan abgearbeitet habe, räume sie zum Teil auch Bereiche - wie die Fußgängerzone -, die nicht auf dem Plan stünden. Im Moment sei noch genug Salz vorhanden.