Leonard und Viktor Müller bauen acht bis zwölf Geigen pro Jahr / Jeder Span weniger verändert den Klang
VON ANNE WEBLER
Minden. Einmal im Jahr fährt Leonard Müller ins bayerische Bubenreuth zum Instrumentenholzhändler Gleissner. Auf der Suche nach schön klingendem Holz klopft der Geigenbauer an die Holzstücke. Klingen sie dumpf, lässt er sie liegen, schwingt das Holz nach dem Schlag und klingt, kauft er es. Acht bis zwölf Geigen stellt Müller pro Jahr in seiner Geigenbauwerkstatt in Minden her, in Handarbeit und zusammen mit seinem Sohn Viktor.
Leonard Müller spannt ein flaches Stück Holz in die Werkbank. Mit einem Hobel schält er dicke Locken aus dem Holz und formt den Boden einer Geige. Die spätere Unterseite wölbt sich wie ein flacher Schiffsrumpf.
Wie Puppenwerkzeug
Müller öffnet die Klemme, dreht das Holzstück und beginnt, den Boden auszuhöhlen. Jeder Span, den er abhobelt, lässt die Geige tiefer klingen. Vater und Sohn bieten Geigen zwischen 450 und 10.000 Euro an, von in anderen Werkstätten gefertigten Instrumenten bis zur Solisten-Geige.
Müller nimmt die Ziehklinge, ein flaches Metallblatt, und glättet das angeraute Holz des Geigenbodens. Zwischendurch greift er hinter sich ins Regal und nimmt einen der 42 verschieden großen Hobel. Auch sie hat Müller selbst hergestellt. Der Kleinste gleicht einem Puppenwerkzeug und ist gerade einen Zentimeter lang, der Größte liegt schwer in der Hand, Müller zieht ihn mit beiden Händen über das Holz. Der Tischler- und Geigenbaumeister hat für den Instrumentenbau sein eigenes Werkzeug entwickelt.
Geblieben ist ihm nur ein Foto
Geigen baut der 52-Jährige seit mehr als 25 Jahren. Schon mit vier Jahren wollte er diesen Beruf lernen. "Mein Vater spielte Geige", erzählt Müller. "Sie hing immer über meinem Bett, aber ich durfte sie nicht anfassen." Damals habe er sich geschworen, seine eigene Geige zu bauen, auf der er so viel spielen könne wie er wolle. Diesen Traum erfüllte er sich mit 15 Jahren. Damals baute er seine erste Geige. Aus Büchern hatte er sich angelesen, wie es geht. "Aber sie ist nicht so gut gelungen."
In Sibirien geboren, lebte Müller mit seinen Eltern fünf Jahre am Schwarzen Meer, bevor sie nach Kirgisien zogen. Von dort aus besuchte er mit Ende 20 das 3.000 Kilometer entfernte Konservatorium in Moldawien und studierte die Geigenbaukunst, 1987 erhielt er seinen Meistertitel. Ein Jahr später kam er nach Deutschland, seine Geige konnte er nicht mitnehmen. An Gepäck war nur das Nötigste erlaubt. Bewahren konnte Müller ein Foto von sich, wie er auf seiner ersten Geige spielt.
Viktor biegt die Holzstreifen am heißen Eisen
Seit 1997 betreibt er die Geigenbauwerkstatt in Minden. Sein ältester Sohn Viktor ging bei ihm in die Lehre und legte 2001 die Gesellenprüfung ab. Der Vater gibt sein Wissen an den Sohn weiter, später wird der 29-Jährige die Werkstatt übernehmen. Bis dahin bauen sie die Geigen gemeinsam.
Viktor biegt die Seiten des kurvigen Geigenkörpers, die Zargen. Dafür befeuchtet er die 1,5 Millimeter dicken Holzstreifen und biegt sie an einem heißen Eisen, nach dem Trocknen verleimt er sie. Müller Senior fertigt Boden und Decke, Junior den Geigenhals mit der Schnecke am Ende.
Stradivari ist sein Vorbild
Geiger aus der Schweiz, Österreich, Norwegen, Spanien, den USA und Kanada spielen Geigen der Müllers. Zum Aussuchen des Instrumentes sind sie persönlich in die Werkstatt nach Minden gekommen. "Ohne Probespielen kann man keine Geige kaufen", sagt Müller.
Die italienischen Geigen des berühmten Geigenbauers Antonio Stradivari oder von Hieronymus Amati, dem Vater von Stradivaris Lehrer Nicola Amati, sind seine Vorbilder. Mehrmals fuhr Müller ins italienische Cremona, der Stradivari-Stadt, und schaute sich dessen Geigen im Museum an. "Der italienische Lack ist transparenter, jeder Strich der Maserung ist zu sehen", schwärmt Müller. "Das Holz strahlt wie Gold." Deutsche Geigen dagegen sähen stumpf aus, weil sie vor dem Lackieren mit Beize behandelt würden.
"Wenn der Kunde auf der Geige spielt, bin ich stolz"
An dem Rezept für den perfekten Lack hat er lange gefeilt. Seit drei Jahren verwendet er einen Lack, mit dem die Geigen viel schöner klingen. "Viele Geigenbauer verwenden als Grundierung eine Mischung aus verschiedenen Harzen", sagt Müller. "Harz aber wird steinhart. Und ein Stein klingt nicht. Das Holz einer Geige muss schwingen."
Einen Monat bauen Vater und Sohn an einer Geige, zwei weitere Monate dauert es, bis die mindestens zwölf Lackschichten getrocknet sind. Nach jeder Schicht hängt Müller die Geige in den Trockenschrank. An besonders aufwendig verzierten Geigen baut Müller ein halbes Jahr – Geduld ist eine wesentliche Voraussetzung des Geigenbauers. "Eine Geige ist wie ein eigenes Kind", sagt Müller und lächelt. "Wenn sie endlich fertig ist und der Kunde darauf spielt, bin ich stolz."
Kreativität ist Voraussetzung
In Deutschland bieten zwei Fachschulen die Ausbildung zum Geigenbauer an: Die Berufsfachschule "Vogtländischer Musikinstrumentenbau" in Klingenthal und die Staatliche Berufsfachschule für Geigenbau und Zupfinstrumentenmacher in Mittenwald. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, eine 3-jährige Ausbildung bei einem selbstständigen Geigenbaumeister zu absolvieren.
Voraussetzungen für diese Ausbildungen sind ein Hauptschulabschluss, Kreativität, Musikalität und handwerkliche Geschicklichkeit.
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