Lübbecke/Espelkamp. Wild stürzen sich die 180 Kaninchen im ehemaligen Katzenkäfig des Tierheims Lübbecke auf die frischen Möhren. Unter dem flauschigen Fell zeichnen sich ausgezehrte Körper ab. Einige der kleinen Knopfaugen sind entzündet. Das Veterinäramt hat die verwahrlosten Tiere am Montag aus einem Haus in Frotheim befreit. Die Halterin ist der Behörde nicht zum ersten Mal aufgefallen.
Im Tierheim Lübbecke herrscht ohrenbetäubender Lärm. Hunde bellen aufgeregt. Tierpflegerinnen laufen mit Heu und Gras auf dem Arm zwischen den Käfigen hin und her. Die Zahl der Tierbewohner im Heim hat sich am Montag verdoppelt.
Rund 200 zum Teil unterernährte Tiere hat die Einrichtung nach einer Hausdurchsuchung in Frotheim aufgenommen – etwa 180 Kaninchen, 25 Hühner, drei Meerschweinchen und zwei Singvögel. "Die meisten Tiere sind völlig verwahrlost", sagt Britta Lohmeier vom Tierheim. "Viele haben zu wenig zu fressen bekommen."
Das Fell vieler Tiere war mit Kot oder Urin verklebt. Ein Großteil hat Durchfall. Viele der Kaninchen leiden zudem an extremen Fehlstellungen der Knochen und Zähne. "Das kommt von Inzucht", sagt Heike Beckmann aus dem Vorstand des Tierheim-Vereins.
Veterinär Matthias Triphaus-Bode vom Kreis Minden-Lübbecke hat die Tiere am frühen Montagmorgen aus einem Anwesen am Osterbruchweg befreit – zusammen mit zehn Mitarbeitern vom Ordnungsamt, der Polizei und dem Tierheim. "Bei der Halterin gibt es Hinweise auf das sogenannte animal hoarding – eine anerkannte Krankheit", sagt Triphaus-Bode. Die Tierhortung ist eine psychische Störung. Menschen mit dieser Beeinträchtigung neigen zum unkontrollierten Sammeln von lebenden Haustieren.
Das Kreisveterinäramt Minden-Lübbecke schritt nicht zum ersten Mal ein gegen die ehemalige Halterin der vernachlässigten Tiere. Vor zwei Jahren beschlagnahmte die Behörde in ihrem Haus etwa 100 verwahrloste Hunde. "Es waren irgendwann einfach zu viele", sagte sie damals der Neuen Westfälischen: "Ich war Tag und Nacht im Einsatz und habe kaum noch Schlaf bekommen."
Wenige Wochen später fanden Beamte auf dem gleichen Anwesen in einer Kühltruhe sieben tiefgefrorene Hundekörper – angeblich zur Tierpräparation. Aktenuntersuchungen brachten ans Licht: Bereits im Jahr 2001 hatte die damals zuständige niedersächsische Behörde der Frau die Haltung und Betreuung von Hunden verboten. "Warum verhängte die Behörde kein generelles Tierhalteverbot?", fragt Heike Beckmann aus dem Tierheim-Vorstand.
"Wir prüfen noch, wer zuständig ist", sagt Triphaus-Bode. Gegen die Frau laufe derzeit ein Verfahren wegen Tierquälerei. Seit der Hausdurchsuchung vor zwei Jahren? "Wenn die Behörde arbeitet, dann wird eben gründlich geprüft", sagt der Veterinär: "Für Außenstehende kann das manchmal langsam wirken." Jetzt werde ein weiteres Verfahren wegen Tierquälerei aufgenommen.
Die Mitarbeiter des Tierheims Lübbecke können nicht verstehen, warum das Veterinäramt die Halterin aus Frotheim immer wieder gewähren lasse. "Seit 20 Jahren treibt sie in verschiedenen Städten ihr Unwesen", meinen sie.
Ein Sprecher des Kreises Minden-Lübbecke bestätigte gegenüber der NW nur, dass die besagte Frau vor zwanzig Jahren eine reguläre Hundezucht betrieb und seitdem mehre Male in benachbarte Kreise und Länder umgezogen war. "Deshalb bestand zunächst kein Handlungsbedarf vom hiesigen Veterinäramt." Die Halterin selbst war für eine Stellungnahme gegenüber der NW gestern nicht zu erreichen.
Die Tierheim-Mitarbeiter hoffen nun auf Heu und Trockenfutter von Spendern, um ihre neuen Schützlinge von jetzt an angemessen versorgen zu können. Gesunde Tiere wollen die Pfleger in den kommenden Wochen weitervermitteln.