Am 1. Mai ist alles vorbei
Lübbecke. Heute geht es los: Nach 36 Jahren wird das letzte von einst sieben Lübbecker Tanzlokalen abgerissen. Für Wirt Manfred Olek, seine Familie und viele Lübbecker endet damit eine Ära. Doch ein Neuanfang ist schon in Sicht.
Der Nebenraum liegt völlig im Dunkeln, der Lichtkegel der Taschenlampe von Manfred Olek streift orange Lampen, rustikale Sitzmöbel und Fotoposter. Gelagerte Gegenstände aus Jahrzehnten, die einst das Interieur des Tanzlokals "Tenne" bildeten. Ein Fest für jeden Fan von Retro und Vintage. "Moment, ich mach' mal Licht", ruft Olek aus einer Ecke des Raumes - er hat den Schalter gefunden.
Schummriges Licht umhüllt die Einrichtung, darunter eine antike Kasse mit Metallknöpfen und feinen Verzierungen. "Ein Engländer hat mir dafür mal 15.000 Pfund geboten, aber ich wollte nicht verkaufen", erzählt der 67-Jährige. Auch den Holzbogen über der Theke will er "auf jeden Fall mitnehmen und in unseren neuen Dance-Club einbauen - als Erinnerung".
Teils verblichene Fotos, die er und Tochter Kirsten hervorkramen, zeugen vom damaligen Stil: Afrofrisur, Schnurrbart, Dauerwelle, Jeansjacken, Leggins, riesige Brillengläser. Auf den Rückseiten der Bilder die Jahreszahlen: 1979, 1984, 1987.
"Die Tenne füllt sich erst ab zwei, drei Uhr, dann geht es richtig los. Da kommt schon die eine oder andere schillernde Gestalt zur Tür herein", schildert die Tochter, die ihrem Vater seit 30 Jahren bei der Arbeit hilft. Aber auch Personen von lokaler Prominenz seien hier hin und wieder im Schein der bunten Lichtanlage anzutreffen gewesen.
Unvergessen ist die Wette eines Reitervereins, ein Pferd ins Lokal schaffen zu können. "Das gab ein großes Hallo, als plötzlich das Tier auf der Tanzfläche stand", erzählt der Preußisch Oldendorfer schmunzelnd. Spontan zeigte sich der Wirt, als er einmal am frühen Morgen einen Bus organisierte und mit seinen Gästen zum Hamburger Fischmarkt fuhr.
In den 36 Jahren kehrten auch international Prominente ein, wie zum Beispiel Bonnie Tyler. "Sie kam gerade von einem Konzert und machte hier einen Zwischenstopp", erinnert sich Olek an die walisische Popsängerin. Als Gäste begrüßte er auch die Mitglieder der DDR-Band "Karat". Gleich zwei Mal habe Wolfgang Petry an der Theke gesessen - "Allerdings hat den keiner erkannt, weil er zu jener Zeit noch nicht berühmt war." Gespielt habe er in der Tenne auch, seinen Hit "Mein Zuhaus".
Als Olek das Lokal als Pächter eröffnete, war es zunächst eine Kneipe mit Kegelbahn. 1978 brach diese ein, ein neues Konzept musste her. So entwickelte sich nach und nach ein Tanzlokal. "Sieben Discos gab es in Lübbecke, alle hatten fünf Tage die Woche geöffnet - wir haben sie alle überlebt", sagt Olek stolz.
Mittlerweile wird in der Tenne nur freitags und samstags gefeiert. "Wir wollten immer den Spagat zwischen Alt und Jung schaffen. Und es funktioniert heute noch", meint die 48-jährige Tochter. Manchmal seien sogar drei Generationen in der Tenne vereint. Der Kinderkarneval locke auch die Jüngsten ins Tanzlokal.
Um alle anzusprechen, musste natürlich die Musikauswahl stimmen. Früher zierte eine große Plattensammlung die Rückwand des DJ-Pults. "Die haben wir natürlich alle noch; manche Perle wie das legendäre Woodstock-Festival von 1969 ist dabei", erzählt Olek. Viele Ehepaare lernten sich in der Tenne kennen. Ab und zu richten deren Kinder, wenn sie zum Feiern kommen, Grüße aus.
Nun wird das Kapitel "Tenne" geschlossen. Im Oktober soll an etwa gleicher Stelle in der Hardenbergstraße ein Dance-Club eröffnen, ausgelegt für 500 Leute. "Ich mag die Arbeit und mache weiter, so lange es geht", sagt der 67-Jährige. Seine Lebensgefährtin Regina Hucke habe lange mitgeholfen, sich aber dann aus der anstrengenden, nächtlichen Arbeit zurückgezogen. "Meine Töchter Kirsten und Bettina werden den neuen Dance-Club weiterführen", sagt Olek.
Am 1. Mai findet die letzte Feier in der Tenne statt, die "Abriss-Party". Dann können die Gäste ein letztes Mal in Erinnerungen schwelgen.
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