Lübbecker Land. Vor mehr als 65 Jahren endete der zweite Weltkrieg, doch noch immer beschäftigt er Menschen jeder Generation. Augenzeugen erinnern sich, deren Kinder und Enkel forschen in den Archiven. Der heutige Kreis Minden-Lübbecke lag in einer Einflugschneise für die in England startenden alliierten Bomberverbände. Hier trafen sie auf deutsche Jagdflieger – ein Duell mit oftmals tödlichem Ausgang. Die NW arbeitet in einer Serie verschiedene Abstürze aus dieser Zeit auf.
Der 27. September 1943 ist ein Montag. Am Abend bombardieren 599 britische Flugzeuge Hannover und Braunschweig. Pilot Nicholas J. Matich ist mit weiteren sechs Crewmitgliedern auf dem Rückweg nach England, als er gegen 23 Uhr über Lübbecke auf einen deutschen Nachtjäger trifft. Am Steuerknüppel sitzt Oberleutnant Hans-Heinz Augenstein, der wenige Monate zuvor gleich vier Bomber in einer Nacht abgeschossen hat.
Augenstein gehört zu den profiliertesten Jagdfliegern der Luftwaffe: Bis zu seinem eigenen Abschuss im Dezember 1944, den er nicht überlebt, verzeichnet er 46 Abschüsse. Auch der viermotorige Halifax MK II Bomber von Nicholas J. Matich übersteht den Angriff nicht. Die Maschine wird in 6.200 Metern Höhe getroffen, die gesamte Crew steigt mit Fallschirmen aus. Führerlos fällt der Bomber auf ein bäuerliches Anwesen in Schröttinghausen.
Helga Heitkamp, 1943 sieben Jahre alt, liegt rund einen Kilometer vom Absturzort entfernt bei ihrer Mutter im Bett. "Wie immer, wenn die Flugzeuge kamen", erinnert sie sich. Sie hat keine Ahnung, dass der Bomber auf den Hof ihres Großvaters Friedrich Maschmeier in der heutigen Dahlinghauser Straße gestürzt ist. "Erst als ein aufgescheuchtes Pferd bei uns auftauchte, wussten wir, dass etwas Schlimmes passiert sein musste", sagt Heitkamp.
Der Hof gleicht einem Inferno. Das beim Aufprall explodierte Flugbenzin setzt das Gebäude in Flammen. Friedrich Maschmeier lässt sich aus dem Fenster ins Stroh fallen und kriecht über die Straße zum nächsten Nachbarhof. Der liegt schon in Niedersachsen, die Straße bildet die Grenze. Ein russisches Ehepaar, Kriegsinternierte, sind erst an diesem Abend als Arbeitskräfte auf dem Hof angekommen. Sie überleben das Unglück nicht.
Nachbarn schaffen es noch, die Kühe aus dem Stall zu retten. Einige Schweine, ein Pferd sowie der Hofhund verenden jedoch. "Um den Hund habe ich besonders getrauert", sagt Helga Heitkamp. In den Tagen danach findet ihre Mutter noch ein halbes Dutzend silberne Löffel und einen Eierbecher im Brandschutt. Alles andere ist verloren.
Noch in der Nacht werden sechs Besatzungsmitglieder des Bombers in Gefangenschaft genommen. Bordschütze Albert T. Tuck stirbt kurze Zeit später an den Folgen des Bordwaffenbeschusses. Der Tod eines weiteren Crewmitglieds, Albert V. Forsyth, ist bis heute nicht geklärt. Pilot Nicholas J. Matich gelingt jedoch die Flucht. Der Neuseeländer in britischen Diensten ist unverletzt und setzt sich nach Westen ab. Sein Ziel ist das besetzte Holland.
Matich bewegt sich nur im Schutz der Dunkelheit, tagsüber hält er sich in Wäldern versteckt. Einen Tag verbringt er in einer Scheune und entgeht dabei nur knapp dem Tod. Der Bauer schneidet mit einem großen Messer Heuballen als Futter für seine Tiere auseinander. Die Klinge geht nur wenige Zentimeter am Kopf des Piloten vorbei.
Auf Spurensuche
Uwe Klitsch aus Kirchlengern war 2007 beruflich mit der Bergung eines deutschen Jagdflugzeugs in Enger befasst. Das Thema ließ ihn nicht mehr los und er begann zu recherchieren.
Das Ergebnis ist eine umfangreiche Faktensammlung im Internet, die bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. Neben seinen Nachforschungen in Archiven hofft Klitsch auf weitere Informationen von damaligen Augenzeugen: www.spurensuche-owl.de
Nach sieben Nächten erreicht Matich eine Brücke am Dortmund-Ems-Kanal, die jedoch bewacht ist. Er schleicht sich an den Posten heran, überwältigt ihn und gelangt so unentdeckt ans andere Ufer. Zwei Nächte später erreicht er die holländische Grenze und kann Kontakt zu einer Widerstandsorganisation aufnehmen.
Während seine Flucht quer durch Europa geplant wird, verbringt Matich sechs Wochen in einem Keller. Ein Mitglied des holländischen Widerstands riskiert sein Leben und eskortiert den Piloten im Zug nach Brüssel. Dort trifft er auf einen abgeschossenen britischen Piloten. Zusammen werden sie von einer routinierten Fluchthelferin über Paris nach Bordeaux geschleust.
Dort fliegt ihre Flucht nahezu auf, als der britische Pilot seinen ebenfalls auf der Flucht befindlichen Bordschützen auf dem Bahnhof erkennt. Mit einem Gewaltmarsch überqueren sie in drei Tagen und Nächten die Pyrenäen und erreichen schließlich die britische Enklave Gibraltar. Per Flugzeug geht es zurück nach England. Nach zwei Monaten auf der Flucht meldet sich Nicholas J. Matich bei seinem Geschwader zurück und fliegt bis zum Kriegsende weiter Einsätze.
Weitere Teile der Serie folgen!
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