Rahden. Die Deutsche Bahn AG denkt über eine Entwidmung der stillgelegten Bahnlinie von Rahden nach Bremen nach. Sie behauptet, dass es in den vergangenen 13 Jahren keine tragfähigen Verkehrskonzepte gegeben habe. Das aber stimmt nicht. Die Planungen der Stadt Sulingen für die so genannte Südschleife stehen aus Sicht von Bahn-Experten nicht im Einklang mit der geltenden Gesetzgebung. Eine Entwidmung könne es zum jetzigen Zeit nicht geben. Denn es gibt für das Sulinger Kreuz wieder einen Interessenten.
Die Stadt Sulingen will das Bahnhofsgelände städtebaulich entwickeln. Sie möchte deshalb eine Südschleife bauen. Die kostet nach Angaben der Stadt rund 700.000 Euro und soll zur Hälfte aus EU-Mitteln zur Förderung von Infrastruktur im ländlichen Raum gefördert werden. Über die Südschleife sollen Güterzüge von und nach Barenburg fahren – ohne Richtungswechsel im Sulinger Bahnhof . Das Planfeststellungsverfahren läuft, dagegen gibt es Einwände.
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) verweist in seinem Einwand auf das Gutachten der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR), das "dringend" den Erhalt der Trasse als Option für spätere Güterverkehre auch aus den Seehäfen empfiehlt. Würde der Bahnhof Sulingen aufgegeben und überplant, dann befürchtet der VCD das Aus für die direkte Schienenverbindung Bremen-Rahden-Bielefeld. Die Stadt Sulingen betont, dass für mögliche künftige Personen- oder Güterverkehre auf der Schiene ein Korridor frei gehalten werde, der auch nicht als Verkehrsweg entwidmet werde. Bahn-Kenner sprechen dagegen von einer "kalten Entwidmung" und verweisen darauf, dass im Fall von Südschleife und Abbindung des Bahnhofes nur noch ein Zug zur gleichen Zeit zwischen Barenburg und Diepholz fahren könne. Mangels Weichen gibt es nämlich keine Kreuzungsmöglichkeit.
Einsprüche erhoben
Der Weicheneinbau würde die Schleife aber erheblich verteuern. Und deshalb wundern sich Bahn-Kenner darüber, dass eine Stadt, die "kaum Geld für ihr Freibad hat, so etwas plant". Der VCD hat nun ebenso Einspruch gegen das Vorhaben erhoben wie das Aktionsbündnis Eisenbahnstrecke Bünde-Bassum (AEBB).
Mit der Bonner Rhein-Sieg-Eisenbahn (RSE) gibt es wieder einen Interessenten für die Strecken des Sulinger Kreuzes. Die RSE hat unter anderem die Betriebsführung für die Museumsbahnstrecke von Rahden nach Uchte. "Wir standen schon einmal in Verhandlungen mit der DB", sagt Diplom-Ingenieur Daniel Preis von der RSE. Die Bahn AG habe damals dann doch einige Streckenteile selbst behalten wollen. Diese Erfahrung machte auch die Osthannoversche Eisenbahn (OHE). Die hatte Ende der 1990er Jahre Interesse am kompletten Sulinger Kreuz. Damals weigerte sich die DB aber strikt, den von Güterzügen befahrenen Abschnitt Barenburg–Sulingen–Diepholz abzugeben."Wir haben Interesse am Sulinger Kreuz", bekräftigt RSE-Vertreter Daniel Preis gegenüber der NW. Die Strecken wolle die RSE betreiben. Daher müsse auch die Anbindung an den Bahnhof Sulingen und somit zum Rest der Strecke erhalten bleiben. Reis: "Die Südschleife wäre kein Problem – wenn zwei Weichen drin wären." Man sei gesprächsbereit gegenüber der Stadt Sulingen und halte beides für machbar – Bahnverkehr und Stadtentwicklung.
"Man muss sich schon an Recht und Gesetz halten"
Gegen die jetzigen Pläne für die Südschleife habe man Einspruch eingelegt, so Preis. "Wir wollen zusammen mit dem AEBB die Strecken erhalten", so Preis. "Daher ist der Bahnhof Sulingen zwingend notwendig." Man sei nicht gegen die Südschleife, sondern gegen die Abbindung des Bahnhofes.
Preis verweist gegenüber der NW auf das Eisenbahngesetz. Eine Entwidmung könne nur dann erfolgen, wenn langfristig kein Verkehrsbedürfnis mehr gegeben sei. Bei einer Abbindung des Bahnhofes Sulingen werde das Verkehrsbedürfnis etwa der RSE aber nicht berücksichtigt. "Man muss sich schon an Recht und Gesetz halten", macht Preis deutlich. "Und wir haben Interesse am Sulinger Kreuz."
KOMMENTAR: Die fünf Feinde der DB AG
Diskussion um die Bahnlinie nach Bremen
VON JOERN SPREEN-LEDEBUR
Kunden der Deutschen Bahn AG kennen die spöttische Frage: "Was sind die fünf Feinde der Bahn AG?" Und bleiben die Antwort nicht schuldig. "Die vier Jahreszeiten und der Kunde".
Die DB AG steht wegen technischer Probleme und mangelnder Fahrzeug-Kapazitäten in der Kritik. In die Kritik gerät die Bahn AG auch, weil sie weiter Infrastruktur vernichten will – so wie im Fall des Sulinger Kreuzes. Es muss einen Grund haben, wenn die DB verschweigt, dass es einen Interessenten gibt, der mit dem Konzern Gespräche führt.
Den Gelüsten wegen des Börsengangs zum Trotz: Die Bahn gehört zur Daseins-Vorsorge der Menschen im ländlichen Raum. Dass muss die DB AG endlich begreifen. Sie und die Stadt Sulingen müssen einsehen, dass man nicht an Recht und Gesetz vorbei planen, nicht Strecken "kalt" entwidmen darf und dabei wie in der Vergangenheit mögliche Interessenten einfach ausbremst.
Bahnchef Rüdiger Grube soll sich dem Vernehmen nach selbst für die Abgabe des Bahnhofes Sulingen engagiert haben. Ganz schöner Aufwand des Konzern-Chefs für eine Strecke, die zumindest nach DB-Lesart überflüssig sein soll. Die Stadt Sulingen erscheint dabei wie ein willfähiger Gehilfe.
Es zeigt auch, dass Grube ebenso agiert wie sein viel gescholtener Vorgänger Hartmut Mehdorn. Grube sägt in Sachen Bahn-Infrastruktur munter weiter an dem Ast, auf dem er sitzt. Ihn scheinen die Interessen der Menschen im ländlichen Raum offenbar nicht zu interessieren.
Nun gibt es einen Interessenten und das ist vielleicht die letzte Chance. Politiker, die sich nun nicht kümmern, würden ihren Anspruch verwirken, zum Wohl der Bürger und der Kommune tätig zu sein. Worauf sie übrigens einen Eid abgelegt haben.
Die Deutsche Bahn AG hat fünf Feinde. Das weiß jeder Kunde. Ein sechster Feind kommt für den Staatskonzern hinzu und den will man offenbar auf Gedeih und Verderb "außen vor" halten – koste es, was es wolle: Der Mitbewerber. Im ostwestfälischen Interesse kann man nur hoffen, dass die DB AG und die Stadt Sulingen in Sachen Entwidmung/Südschleife Schiffbruch erleiden.
joern.spreen-ledebur@ihr-kommentar.de