Anwohner des ZOB ärgern sich über Müll und Pöbeleien / Streetworker neu im Einsatz
Lübbecke. Richtig schick soll der neue Busbahnhof werden. Eine halbe Million Euro darf er kosten. Ein paar Monate lang war sogar mal eine Edel-Toilette geplant, die 100.000 Euro weggespült hätte. So weit, so schön und teuer. Wären da nicht die Jugendlichen, die ausgerechnet den ZOB zum Treffpunkt wählen. Laut sind sie, verstreuen Müll, Kippen, Flaschen und Dosen, spucken aufs Pflaster, pöbeln rum. Sagen die Anwohner.
Oder sieht es vielleicht ganz anders aus? Philipp, Christian, Miriam und die anderen, 14 oder 15 Jahre alt, sehen das entspannt. "Wir treffen uns einfach hier. Oder gehen durch die Stadt. Ganz normal." Rauchen oder saufen? Kein Thema. Manchmal haben sie Langeweile, wenn sie da stehen und auf den Bus warten. Aber man trifft immer jemanden, den man kennt. Man sieht sich und wird gesehen. Am ZOB ist immer was los. Und die Erwachsenen?
Fehlt in Lübbecke eine Diskothek?
Neulich ging ein älteres Ehepaar über die Warte-Insel zum Bus und rempelte die Jugendlichen einfach an. Respekt wollen die und haben selbst keinen.
Was ist los am ZOB? An den Parkhäusern? Am Berufskolleg? Um das zu erfahren, kommt es darauf an, wen man fragt: die Polizei oder die Nachbarn, das Ordnungsamt oder den Streetworker, die Jugendlichen oder den Jugendreferenten.
Anfang Dezember hat es Ärger gegeben in der Musikschule Pro Musica, die am Busbahnhof im Alten Amtsgericht untergebracht ist. Das beherbergt auch das "Selfmade Diner", einen Jugendtreff. Jugendliche hatten Musikschüler und -lehrer angepöbelt, Sachen zerstört, Lärm gemacht.
Die Polizei rückte an, es hagelte 15 Hausverbote. Die sind inzwischen wieder aufgehoben. Nach langen Gesprächen, Einsicht und Entschuldigungen.
Beim Bürgergespräch mit dem Verwaltungschef beschwerten sich erneut ältere Lübbecker über jüngere Lübbecker. Sein Hof werde von den Gruppen, die sich am ZOB herumtrieben, "vollgerotzt und vollgemüllt", sagte ein Anwohner. Er werde "beschimpft, beleidigt und bedroht". Ein anderer beklagte, dass das Parkhaus Ost sich in ein "Partyzentrum" verwandele. "Jugendliche werfen vom Parkdeck Dosen und Flaschen." Im Parkhaus West fahren sie die Rampen auf Skates runter.
Die Bezirksbeamten der Polizei, Rolf-Dieter Rehburg und Dirk Niemeyer, wissen Bescheid. Am ZOB seien keine Straftaten passiert, sagt Rehburg.
Seit der Sache im Dezember kontrolliere die Polizei verstärkt. Falls es jedoch zu Konfrontationen komme, rät Niemeyer: Sofort auf der Lübbecker Wache anrufen. Aber das sei auch Sache des Ordnungsamtes.Auch das ist informiert. Rolf Kleffmann, Fachbereichsleiter Bürgerdienste, erläutert das Gesetz: "Es ist nicht verboten, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken oder sich im Freien aufzuhalten." Zum Glück für alle Lübbecker, ihr Bierbrunnenfest und den Blasheimer Markt. Erst bei Verstößen gegen den Jugendschutz können Ordnungs- und Jugendamt mit der Polizei aktiv werden. Sie greifen auch dann ein, wenn Jugendliche andere abzocken und bedrohen. Von Überwachungskameras am ZOB, wie sie einige Bürger fordern, hält Kleffmann gar nichts.
Treffen sich die Jugendlichen dort, weil sie woanders keinen Raum und keine Herberge finden?
Das sieht die junge Truppe am ZOB anders, auch Jugendreferent Bodo Borchard vom Jugendzentrum am Markt weiß: Das sind zwei völlig verschiedene Sachen. Viele Jugendliche besuchen mal das JAM, mal das Selfmade Diner. Mal gucken, was so los ist. Aber dort ist eben ständig eine Aufsicht, Erwachsene eben.
"Jugendzentren ersetzen keine informellen Treffpunkte", sagt Borchard. "Die Jugendlichen brauchen Freiräume, wo sie nicht beaufsichtigt werden." Vom Rauchen oder Alkohol könne man sie nicht abhalten. "Wir können nur aufklären." Und wenn wir ehrlich sind, sagt er: "Gesoffen wurde schon immer." Manche erinnern sich vielleicht nur nicht. Und von gutem Benehmen hatten Erwachsene und ihr Nachwuchs auch schon immer eigene Ansichten.
Andreas Wisotzki, Student und Streetworker, oder, wie er lieber sagt, "Ansprechpartner", vermittelt zwischen den Gruppen. Seit Oktober hat er eine auf ein halbes Jahr befristete Stelle mit neun Wochenstunden, finanziert vom Bündnis für Familie und dem CVJM.
Der 28-Jährige ist unterwegs in der Stadt, geht auf die jungen Leute zu. Weil er mittlerweile bekannt ist, kommen sie auch zu ihm. "Sie geben Tempo und Themen vor", sagt er. "Ich bin Gast in ihrem Lebensraum." Bei Ärger in Schule und Beziehungen - auch mit Eltern - ist er da.
Freundlich erlebt er die 14- bis 17-Jährigen, aufgeschlossen für Gespräche. "Wenn wir die Jugendlichen vertreiben, geht das Problem woanders hin", sagt er. Besser sei es, niederschwellige Angebote zu machen, den Kontakt zu suchen, den Jugendlichen mit dem Respekt zu begegnen, den man selbst fordere. Die Sache mit dem Müll und den Pöbeleien wird er jetzt ansprechen.
Junger Westen
- Der Vergleich des Anteils Jugendlicher zur Gesamtbevölkerung von 2005 und 2009 zeigt in fünf Lübbecker Ortsteilen einen Abwärtstrend zwischen minus 0,1 bis minus 1,3 Prozent .
- In Blasheim (bisher der Ortsteil mit dem geringsten Jugendanteil, jetzt mit plus 0,9 Prozent) und Stockhausen (plus 1,9 Prozent, höchster Jugendanteil) ist hingegen eine Verjüngung zu beobachten. 2005 lebten in den östlichen Dörfern die meisten Heranwachsenden. 2009 fand eine Verschiebung nach Westen statt.
(Quelle: Kinder- und Jugendförderplan des Kreisjugendamtes Minden-Lübbecke)
Gebt den Jugendlichen Raum ....und alles ist gut. Es ist doch auch Möglich Feste der Stadt Lübbecke gross und unter Lärm aufzuziehen ...(Z:B Die Musik aus dem Oktoberfestzelt stört mich doch auch jedes Jahr ) warum also keine Disco am Bahnhof oder zumindest ein überdachter Treffpunkt dort ?
Meine Generation hatte noch reichlich Discos hier in Lübbecke ...Ich weiß ...Zeiten ändern sich ...aber bitte nicht auf Kosten unserer Jugendlichen .