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23.02.2012
KREIS MINDEN-LÜBBECKE
Polizei rüstet gegen Raser auf
Kreisbehörde setzt auf digitale Technik / Neuer Messwagen angeschafft
VON TYLER LARKIN

Da lacht der Chef | FOTO: TYLER LARKIN

Kreis Minden-Lübbecke. Mit einer sechsstelligen Investition setzt der Mühlenkreis ein Zeichen gegen zu schnelles Fahren. Seit Anfang des Jahres macht ein neues Messfahrzeug der Polizei, das gestern vorgestellt wurde, Jagd auf Temposünder. Grund ist die traurige Bilanz der Unfallstatistik des Landes Nordrhein-Westfalen.

Genaue Zahlen werden erst kommende Woche veröffentlicht. Doch bekannt ist, dass über die Hälfte aller tödlich verlaufenden Unfälle des Jahres 2011 auf überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen sind.

Der Kreis schneidet in der letztjährigen Statistik zwar besser ab als das übrige Nordrhein-Westfalen, doch das Jahr 2012 hat bitter begonnen: Gleich in der Silvesternacht starben drei Menschen nahe Rahden beim Alleinunfall ihres Pkw – nur die Beifahrerin überlebte schwer verletzt. In Hille und Hüllhorst kamen in den letzten Wochen ebenfalls zwei Seniorinnen nach dem Zusammenprall mit einen Pkw um. Eine Dame wollte mit ihrem Rollator die Straße überqueren – die andere nur die Mülltonne zur Straße bringen. Ob der Grund für den tödlichen Verkehrsunfall von gestern Morgen (¦ Bericht auf dieser Seite) in überhöhter Geschwindigkeit liegt, konnte Polizeidirektor Detlef Stüven noch nicht sagen.

Die Neuanschaffung der Polizei kommt ganz unscheinbar daher: Ein schwarzer Mercedes-Kleinbus mit abgedunkelten Scheiben parkt schon seit Wochen an den Randstreifen der Kreisstraßen. Im rechten Winkel zur Fahrbahn lauert das Herzstück der Geschwindigkeitsmessung: Ein so genannter Einseitensensor mit fünf Öffnungen registriert mit einer bislang nicht erreichten Genauigkeit Regelverstöße. Auch der Preis dürfte bis dato unerreicht sein: 164.000 Euro kostet die Anlage inklusive Mercedes.

Über eine Funkverbindung ist der Sensor mit einer Kamera verbunden, die über das bekannte Rotlicht ein digitales Bild des Verkehrssünders ablichtet. Da kein Kabel benötigt wird, kann die Kamera ohne Probleme auf der anderen Fahrbahnseite positioniert werden.

Mit der neuen Technik kann nahezu überall gemessen werden: Kuppen, Kurven oder Tunnel stellen kein Problem mehr dar – bei Tag wie bei Nacht. Auch die beliebten Radarwarner an der Windschutzscheibe bieten ab sofort keine Möglichkeit der Vorbeugung mehr. Der Sensor ist ein passives Gerät, das auf Lichtempfindlichkeit reagiert und keine verräterischen Radarwellen mehr ausstrahlt.

Laut einer Faustregel der Polizei sterben bei einer Geschwindigkeit von Tempo 65 acht von zehn Fußgängern, die angefahren werden. Dagegen überleben acht von zehn Fußgängern, wenn die Geschwindigkeit nur 50 km/h beträgt. Lediglich 15 km/h können den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. "Es geht uns nicht darum, die Zahl der Knöllchen zu erhöhen. Wir wollen die Opferzahlen verringern", sagte Polizeidirektor Detlef Stüven.

Auch der Chef der Kreispolizeibehörde wird in Zukunft vermehrt auf seine Geschwindigkeit im Mühlenkreis achten. In der warmen Jahreszeit befährt er jedoch gerne das kurvenreiche Kalletal mit seiner BMW. Der dortige Kreis Lippe besitzt schon seit zwei Jahren die neue Technik. "Ich bin aber noch nicht geblitzt worden", versichert Stüven mit einem Lächeln.

INFO

- Die Geschwindigkeitskontrollen im Kreis werden, wie bisher auch, nicht nur an Unfallschwerpunkten, sondern flächendeckend durchgeführt werden.
- Vermehrte Kontrollen sowohl mit und ohne sofortiges Anhalten der Autofahrer sollen für eine hohe Kontrolldichte sorgen.
- Die Polizei setzt weiterhin auf Transparenz und wird einige Messstellen im Vorfeld bekannt geben.


Kommentare
Zitat aus dem Artikel: ...Gleich in der Silvesternacht starben drei Menschen nahe Rahden beim Alleinunfall ihres Pkw..." Das es zu diesem tragischen Unfall gekommen ist, ist schrecklich genug. Jedoch hat er meines Erachtens mit allgemeinen Geschwindigkeitskontrollen überhaupt nichts zu tun.
Das wir alle etwas zu schnell fahren, steht außer Frage und das dies kontrolliert wird ist auch in Ordnung. Ob dafür jedoch 164.000,00 EUR investiert werden müssen, möchte ich in Frage stellen. Gibt es da nicht andere Baustellen im Kreisgebiet.
Ein wesentlich höheres Unfallpotential stellen meiner Meinung nach die vielen unbeleuchteten Bushaltestellen für Schüler dar. So fährt man zum Beispiel 7:00 Uhr auf der Fabbenstedter Straße in Espelkamp in Richtung Rahden und entdeckt auf einmal mehrere Kinder an der Straße stehend, welche auf den Schulbus warten. Mitten im Nichts! Diese Situation ist unakzeptabel und unverantwortlich. Mich verwundert es, das hier noch nichts passiert ist.
Ich würde mich freuen, wenn diese Angelegenheit von der Presse aufgegriffen und zur öffentlichen Diskussion dargestellt wird.

Dank des INFO-Kästchens im Artikel weiß ich jetzt endlich, dass die Geschwindigkeitskontrollen im Kreis doch nicht nur an Unfallschwerpunkten, sondern FLÄCHENDECKEND durchgeführt werden. Das lokale Ordnungsamt hatte vor wenigen Monaten in meiner Straße, in der die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf 50 km/h begrenzt ist und die aufgrund vieler Bäume in Verbindung mit einer langgezogenen Kurve nur schwer einsehbar ist, mittels einer Geschwindigkeitsmessanlage festgestellt, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit (24 Std.) bei rd. 75 km/h (!!!) gelegen und die/der Spitzenreiter/-in mit 120 km/h den "Tagessieg" errungen hat. Kontrollen durch den Kreis oder die Polizei kämen aber nicht in Betracht, da die Kontrollen nur an Unfallschwerpunkten vorgenommen werden würden. Dank der Achtsamkeit der Anlieger ist es noch zu keinem Unfall gekommen. Die Info lässt mich jetzt hoffen, dass nun endlich Kontrollen auch an den Stellen vorgenommen werden, bevor dort jemand zu Schaden kommt. Dabei laufen doch die Aktionen von Kreis u. Polizei deren Aussagen zufolge immer vor dem Hintergrund der Unfall-Prävention (!). Genau vor diesem Hintergrund melde ich jetzt auch meine Straße mal direkt dem Landrat Niermann. Gute Fahrt!

@ HerbertH

Ja, ich hätte noch eine Frage. Sie schreiben, die Industrie stelle immer raffiniertere Technik für die Radarfalle bis hin zu kompletten Dienstleistungspaketen zur Verfügung.
Die Industrie stellt aber auch immer raffiniertere Technik für Autos zur Verfügung. Darunter auch Wunderdinge namens Tachometer und Tempomat.
Meine Frage lautet also, warum der intelligente Autofahrer von heute denn keinen Gebrauch von diesen technischen Raffinessen macht?

Heute schon geblitzt worden? Diese Frage könnten Autofahrer künftig häufiger mit einem genervten "Ja" beantworten müssen. Die Kommunen sind klamm und die Industrie stellt immer raffiniertere Technik für die Radarfalle bis hin zu kompletten Dienstleistungspaketen zur Verfügung. Der Weltmarktführer für Überwachungstechnik, Jenoptik, etwa rühmt sich, das komplette Verfahren von der Installation über das Blitzen, den Versand der Knöllchen bis zum Abkassieren der Verkehrsünder abwickeln zu können und wirbt damit, dass die Investition durch die Bußgeld-Einnahmen refinanziert werde.

Ein Herforder Richter soll allein in den letzten sechs Tagen 42 " Raser" freigesprochen haben mit dem Argument, dass Radarfallen nur der Abzocke und nicht der Verkehrssicherheit dienen würden.
Der Richter vertritt die Argumentation, dass der Gesetzgeber klipp und klar sagen müsse, warum genau an dieser Stelle geblitzt würde. Er fragt sich, wer garantiert eigentlich, dass es sich nicht um Abzocke handelt?
Der Kreis Herford soll allein im vergangenen Jahr über 2,8 Millionen € Bußgelder und Verwarnungsgelder eingenommen haben. Dies werde noch getoppt durch die Stadt Bielefeld; hier sollen es sage und schreibe 15.000.000 € gewesen sein…
Noch Fragen?

@ Speedy

Ihre Frage, was Fußgänger auf der Straße zu suchen haben, wenn ein Auto kommt, meinen Sie doch nicht wirklich ernst, oder?
Da könnte ich ja auch fragen, was Autofahrer auf der Straße zu suchen haben, wenn dort Fußgänger rumlaufen. Das macht genauso viel Sinn. Beide sind Verkehrsteilnehmer!
Es geht auch nicht darum, ob Fußgänger die Mehrzahl der getöteten Verkehrsteilnehmer sind, sondern darum, daß diese 15 km/h weniger einen so deutlichen Unterschied in der Unfallstatistik ausmachen.



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