Paderborn. Es gibt den Welt-Aids-Tag, den Tag des Buches und den der Milch. Auch heute wird ein solcher Gedenktag gefeiert. Doch kaum jemand kennt ihn: Heute ist Welt-Hurentag.
Marion Detlefs kann sich nicht erklären, warum sich das Wort "Hure" als Begriff für diesen Tag so durchgesetzt hat. Eigentlich sei es eher ein Schimpfwort für die Frauen, die der Prostitution nachgehen. "Da hätte man auch jedes andere nehmen können", sagt sie, "aber der autonomen Prostituiertenbewegung war es damals wichtig, mit diesem diskriminierenden Begriff zu provozieren."
Detlefs muss es wissen. Die 46-Jährige ist Sozialpädagogin und arbeitet für die erste autonome Hurenorganisation in Deutschland, die 1980 in Berlin von sozial engagierten Frauen aus unterschiedlichen Berufssparten unter dem Namen "Hydra" ins Leben gerufen wurde.
"Ich selbst sage lieber ’Prostituierte’zu den Frauen", sagt sie. Der Begriff der "Sexarbeiterin" würden die Prostituierten gar nicht verwenden: "Das ist zu desillusionierend und klingt nach Fabrikarbeiterin." Wer bei Hydra nach Beratungsangeboten für Prostituierte im Raum Paderborn fragt, erntet ratloses Schweigen. Es gibt keine. Erst die nächstgrößeren Städte wie Dortmund oder Hannover können damit dienen. "Die haben auch ein anderes Pflaster", fügt Detlefs hinzu.
Neun Bordelle, 21 Wohnungen
Dabei gibt es durchaus ein Rotlichtgewerbe in Paderborn. 30 Betriebe seien dem zuzuordnen, erklärt Polizeihauptkommissar Ulrich Krawinkel von der Kreispolizei Paderborn. Dazu zählen neun Bordelle und 21 Wohnungen und gewerbliche Zimmervermietungen.
Dagmar Knipp von der Frauenberatungsstelle Lilith in Paderborn sagt: "Wir können uns hier nur an zwei Fälle aus dem vergangenen Jahr erinnern, in denen Frauen, die sich prostituierten, an uns gewendet haben."
Auch im Frauenhaus ist die Reaktion nicht viel anders: "Im Laufe der 30 Jahre, die es uns in Paderborn gibt, haben wir vielleicht eine Hand voll Frauen gehabt, die aus dem Milieu aussteigen wollten und bei uns Schutz gesucht haben", erklärt die Mitarbeiterin Martina Schubert. In letzter Zeit sei ihr jedoch kein Fall bekannt. Das könne aber auch daran liegen, dass die Frauen, die vor der Gewalt ihrer Zuhälter flüchten, in weiterer Entfernung einen Unterschlupf suchen. "Glücklicherweise haben wir landesweit ein dichtes Netz an Frauenhäusern."
Auch die Aids-Hilfe Paderborn hat kaum Kontakt zu Prostituierten. "Zu uns kommen ab und zu mal Frauen, die in die Prostitution einsteigen wollen und sich beraten lassen, wie sie sich vor Geschlechtskrankheiten schützen können", erklärt die Diplom-Sozialarbeiterin Lena Arndt. Gerne würde sie mehr machen, aber es fehlen die Kräfte. Mit mehr als den zwei Mitarbeitern könnten sie zum Beispiel die Prostituierten betreuen, die in Wohnmobilen an der B1 ihrem Gewerbe nachgehen. "Das wäre ein geniales Projekt, auf das ich richtig Lust hätte."
"Hobby zum Beruf gemacht"
Richtig Lust an ihrer Arbeit hat auch Chantal (Name von der Redaktion geändert). Sie ist eine der Prostituierten im Raum Paderborn, die sich selbständig gemacht haben und nicht in einem Bordell arbeiten. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht", sagt sie und lacht. Eine Arbeit wie jede andere. "Ich komme mir nicht schlechter vor als der Müllmann, der Müll aufsammelt."Die 30-jährige Paderbornerin, die auch hier aufgewachsen ist, ist seit fünf Jahren Prostituierte. Mit mehreren Frauen teilt sie sich eine Wohnung. "Wir sind alle selbständig und kranken- und rentenversichert." Jede von ihnen entscheide selbst, wann und wie viel sie arbeiten. "Hier in Paderborn gibt es, glaube ich, nicht dieses Klischee, dass die Zuhälter ihre Frauen an der Wohnungstür abliefern und sie nachts wieder abholen - auch Gewalt erlebt man hier nicht." Von den Männern, die zu ihnen kommen, könne sie nur schwärmen: "Die geben sich noch richtig Mühe." Über ihren Verdienst will Chantal aber nicht sprechen.
Anna (Name ebenfalls von der Redaktion geändert) schon. Anna verdient etwa 1.000 bis 1.500 Euro im Monat. Auch sie ist selbständigund teilt sich mit zwei Frauen eine andere Wohnung. 400 Euro muss sie selbst für ihren Teil bezahlen.
Erst Jura, dann Prostitution
Ihre Stimme ist brüchig, sie spricht mit einem starken Akzent. Mit 20 Jahren ist sie aus Lettland nach Deutschland gekommen, hat vorher in der Heimat ihr Jura-Studium abgebrochen. "Eine Bekannte hat mir gesagt, in Deutschland könnte ich gutes Geld verdienen." Sie habe die Koffer gepackt und sei gleich nach Paderborn zu einer Freundin gezogen, die schon als Prostituierte arbeitete, erzählt die 25-Jährige. Seitdem arbeitet sie vier bis fünf Tage die Woche jeweils zehn Stunden.
"Die Arbeitsbedingungen sind nicht so gut", meint sie zögerlich. Will dann aber nicht mehr dazu sagen. "Ich weiß auch nicht, was ich sonst machen soll, oder ob ich mit meinem Studium in Deutschland was anfangen kann." Und es klingt unsicher, als sie sagt: "Ich will nicht mehr lange diesen Beruf machen." Chantal dagegen möchte bis zum Ende ihres Lebens Prostituierte bleiben. Sagt sie.