17 Operationen in 100 Tagen: Christian L. erzählt vom Unfall in einer Müllpresse
Paderborn. Gegen 7.30 Uhr gibt es das Frühstück – als erste Stärkung für den Tag. Da ist Christian L. schon eine Weile wach. Rund 100 Tage zuvor erlebte er um diese Zeit etwas höchst Schmerzhaftes. Es war am 27. März, einem Freitag. Gegen 7.15 Uhr merkte er, dass der Müllcontainer, in dem er geschlafen hatte, geleert wurde. Er schrie – doch kurz darauf war sein Unterkörper unter einer tonnenschweren Stahlplatte eingeklemmt.
Seit damals liegt L. ohne Unterbrechung im Krankenhaus. 17 Mal ist er in dieser Zeit operiert worden, das bisher letzte Mal am Donnerstag letzter Woche. Und es geht noch weiter. Beide Beine und sein Becken waren mehrmals gebrochen, zudem hatte er Blut im Bauch-Bereich. Sein linkes Bein war zu 80 Prozent gelähmt, zu maximal 60 Prozent werde er es wieder belasten können, glaubt er.
Alles, weil er "total voll" in einen Müllcontainer geklettert war. Im Ladebereich hinter dem Busbahnhof unter dem Königsplatz. Dort, wo häufiger Obdachlose und Drogenabhängige übernachten, vor allem in den kälteren Monaten des Jahres. Im Papiercontainer habe er wärmende Pappen holen wollen. Dabei sei er eingeschlafen – soweit seine Sicht der Dinge. Dabei sieht er selbst ein, "fahrlässig" gehandelt zu haben, indem er in den Container gestiegen sei. Zumal er dafür noch einen Zaun übersteigen musste.
Trinken gehört zum Leben
Heute fragt er sich, warum er nicht mit seinem Mitbewohner, der zunächst ebenfalls mitgetrunken habe, um 1.30 Uhr nach Hause gefahren sei: "Der hat mich im Taxi sogar noch eine halbe Stunde gesucht", sagt er.
Seit 2005 lebt L. in einer Zweier-Wohngemeinschaft am Kaukenberg. Das letzte halbe Jahr vor dem Unfall war er arbeitslos, davor hatte er Hilfsjobs. Trinken gehört zu seinem Leben. "Tage ohne Alkohol sind nicht so erfüllend", sagt er. Auf einen Tag mit einem Rausch folge einer der Erholung.
Die ersten drei Tage nach dem Unfall war L. in Paderborn. Danach wurde er in die Uni-Klinik Hannover verlegt. "Eine gute Entscheidung der Paderborner Ärzte", sagt L. "Sonst hätte ich wohl nicht überlebt, die Chance betrug nur fünf Prozent." Fünf Wochen lag er dort im künstlichen Koma. Seit dreieinhalb Wochen ist er wieder in einem Paderborner Krankenhaus. "Was ich die letzten drei Monate erlebt habe, das wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht", sagt L., der noch sechs bis acht Wochen Krankenhaus und anschließend drei Monate in der Rehabilitation vor sich hat.
Vorwürfe gegen die Stadt
Nach dem Unglück bekamen Polizei und Staatsanwaltschaft ein anonymes Schreiben zugeschickt. Darin werden schwere Vorwürfe gegen die Mitarbeiter des Paderborner Abfallentsorgungs- und Stadtreinigungsbetriebs (ASP) erhoben. Personen sollen gewusst haben, dass sich jemand in dem Container befindet. Dabei handele es sich nicht um die Besatzung des Fahrzeugs. "Wir prüfen sorgfältig in alle Richtungen", sagt Oberstaatsanwalt Horst Rürup.
L. erwägt eine Schmerzensgeldklage gegen die Stadt. "Hätten die Müllarbeiter vorher einen Blick in den Container geworfen, hätten sie mich sehen müssen", sagt er. "Es gibt keine Vorschrift, die besagt, dass man vor der Leerung in den Müll sehen muss", erklärt Jens Reinhardt, Sprecher der Stadt. Sein Chef, Bürgermeister Heinz Paus und ein Vertreter des ASP, haben L. vor ein paar Tagen besucht und sich nach seinem Zustand erkundigt.
"Wir prüfen derzeit Schadensersatzansprüche", sagt Andreas Chlosta von der Bielefelder Kanzlei Binder & Partner. Auch wenn es keine Dienstanweisung gebe, die vorschreibt, vor der Leerung in die Müllbehälter zu schauen, sei es eine "Grauzone". Man hätte es zumindest wahrnehmen müssen, dass nicht Papiermüll, sondern ein 1,70 Meter großer Mann darin gewesen sei, so Chlosta. Mitarbeiter der Stadt hätten das Unglück verursacht, da sei es nun die Frage, wie diese damit umgeht. Der Anwalt: "Der Vorfall wird das ganze Leben meines Mandanten beeinflussen."