Rekordzahl an Erstsemestern führt zum Engpass bei Seminarräumen, bringt aber Millionen an Landesmitteln
Paderborn. Angehende Lehrer müssen vielseitig sein: Sie benötigen Fachwissen, die Fähigkeit, das Gelernte weiterzugeben, Menschenkenntnis und eine ausgeprägte Zockermentalität. Denn an der Uni Paderborn entscheidet aktuell hundertfach das Los darüber, ob ein Studierender den gewünschten Vorlesungs- oder Seminarplatz bekommt.
Um 41 Prozent stieg die Zahl der Erstsemester. Mindestens 820 junge Menschen mehr schrieben sich dieses Jahr in Paderborn ein – und bescherten ihrer Hochschule damit Millionen. Denn das Land Nordrhein-Westfalen belohnt seine Hochschulen für jeden dieser Studenten mit einer Förderung von mindestens 1.500 Euro pro Semester. So sieht es der 2007 vereinbarte Hochschulpakt vor – sehr zur Freude der Verantwortlichen an der Uni Paderborn. "Klar, mit diesen Anmeldezahlen profitiert die Uni Paderborn überproportional stark vom Hochschulpakt", sagt André Zimmer, Pressereferent beim zuständigen Landesministerium. Die Rekordzahl sorgt zur Zeit jedoch auch für absonderliche Szenarien vor Hörsälen und Seminarräumen.
Drinnen herrscht Stimmengewirr und dicke Luft
Seit einer halben Stunde stehen Marina Welslau und Hanne Sommer vor dem Hörsaal H4. "Das ist ganz normal. Wir warten auf unsere Professorin", erklärt Marina. Drinnen herrscht Stimmengewirr und dicke Luft: Stühle, Gänge und Treppen sind voll besetzt. Zwischen den Füßen derer, die im Stehen warten, haben es sich andere schon auf dem Boden bequem gemacht. "Gleich wird’s spannend", sagt Marina. "Da sehen wir, wer bleiben darf und wer nicht."
Glaubt man den Umstehenden, ist das gängige Praxis. Mal entscheidet in der ersten Studienwoche – dann aber per Email angekündigt – das Los, mal der Dozent im Alleingang. "Dann müssen alle wieder gehen, die keinen richtigen Sitzplatz haben", sagt Grecia Cristina Ticona-Schlösser. Denn eigentlich dürfe man nicht auf den Fluchtwegen sitzen. "Manche erlauben es zum Glück aber trotzdem", sagt die 21-Jährige und winkt ab. "Ist wohl so ’ne Haftungsfrage."
Für Tibor Werner Szolnoki, Pressesprecher der Universität Paderborn, sind die völlig überfüllten Hörsäle eher eine Organisationsfrage. "Zur Zeit wird ganz intensiv daran gearbeitet, für jeden ein studierbares Angebot hinzubekommen", sagt er. Durch die Abschaffung vieler Zulassungsbeschränkungen und zusätzlicher Anreize wie dem spendenfinanzierten Mini-Notebook habe man den Ansturm an Studienanfängern bewusst herbeigeführt, gesteht Szolnoki. Planbar sei er jedoch nicht gewesen. "Deshalb läuft jetzt am Anfang vielleicht nicht alles optimal", sagt er. "Aber das geht auch garnicht anders."
Getuschel - und weg
Ähnlich pragmatisch begegnen die Wartenden vor dem Hörsaal H4 dem Problem. "Ich krieg so einen Hals, wenn ich drüber nachdenke", sagt Marina und Hanne vervollständigt den Satz: "Die stecken sich die Kohle ein und bieten uns dafür nicht einmal genügend Kurse an", sagt sie. Dann beginnt ein Getuschel vor dem Hörsaal H4 und Marina und Hanne haben es plötzlich eilig. Es hat sich rumgesprochen, dass es in einer Parallelveranstaltung vielleicht noch freie Sitzplätze gibt.
KOMMENTAR: Bloß stillhalten!
VON MARIUS GIESSMANN
Die Uni Paderborn ist beliebt, in diesem Jahr sogar ganz besonders beliebt. Glückwunsch. Die am Standort umgesetzten Anreizsysteme – ein kostenloser Minilaptop und zahlreiche klassische Numerus-Clausus-Fächer ohne Zulassungsbeschränkung – wirken. Mit 41 Prozent mehr Erstsemestern übertrifft Paderborn den Landesdurchschnitt um das Sechsfache. Das ist in doppelter Hinsicht ein Erfolg.
Zum einen sichern die 800 zusätzlichen Erstsemester Paderborn auch in den kommenden Jahren weitere Millionen aus dem Hochschulpakt. Die werden schon jetzt in weiser Vorausschau auf den kommenden, dank G8 doppelt so starken Abiturjahrgang, verbaut. Der zweite Vorteil: Mit den kleinen Präsenten erkauft sich die Uniführung offensichtlich ein kollektives Schweigen.
Die Devise lautet: "Bloß stillhalten!" "Was sollen wir denn machen?" ist der einzige Kommentar auf die Frage, ob mit einem organisierten Widerstand gegen die Studienbedingungen zu rechnen ist. Schulterzuckend wenden sich die Beschenkten wichtigeren Dingen zu: ihrem neuen Netbook.
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