Paderborn. "Ich muss im Seminar quasi bei meinem Nachbarnauf dem Schoß sitzen - halten Sie das etwa für eine qualitative Lehre?" Der erbosten Studentin, die das am Donnerstag Abend im proppevollen Audimax sagt, geht es nicht allein so: Im gerade begonnenen Wintersemester kämpfen an der Uni Paderborn offenbar ganz besonders viele Studierende mit überbelegten Seminaren - so will es scheinen. Sie finden mittags keinen freien Tisch in der Mensa, suchen frustriert nach einem Arbeitsplatz in der Bibliothek - oder auch nur nach einer Steckdose für den leeren Akku ihres Netbooks.
"So sieht gute Lehre natürlich nicht aus, aber wir werden das in den Griff kriegen. Wir tun unser Bestes," beschwichtigt Prof. Dr. Volker Peckhaus, Dekan der mit 5.000 Studierenden größten, der kulturwissenschaftlichen Fakultät. Diese ist von den aktuellen Platznöten - neben der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften - am härtesten betroffen.
Peckhaus verspricht, dass man alle Raumfragen drei Wochen nach Semesterbeginn geklärt haben werde, und sagt: "Krisenmanagement ist eben nur reaktiv." Was so viel heißt wie: Erst müssen Überfüllungen vorkommen, dann werden Alternativen gesucht. Wie Uni-Kanzler Jürgen Plato am Donnerstag versprach, zum Beispiel durch das Anmieten zusätzlicher Räume im benachbarten Technologiepark oder zur Not durch provisorische Container.
Regelmäßige Überfüllung
Warum aber das elektronische Buchungssystem "Paul" beispielsweise 250 Studierende zuließ, wenn in den geplanten Raum nur 180 passen, kann Paul-Projektbeauftragter Prof. Dr. Wilfried Hauenschild letztlich nur durch fehlerhafte, von "Paul" aber übernommene Vorgängerdaten erklären.
Dabei kamen Überfüllungen zu Anfang der Semester in der Vergangenheit tatsächlich regelmäßig vor. Sie sind sozusagen eingeplant. Uni-Präsident Risch sprach von einer Über-Auslastung der personellen Kapazitäten von 110 Prozent - durchschnittlich. Zu Anfang des letzten Sommersemesters seien statistisch nur 2,6 Prozent der Lehrveranstaltungen als überbelegt gemeldet worden - aktuell seien es mit 2,8 Prozent deshalb nicht grundsätzlich viel mehr.
In den Randzeiten - früh morgens, am Abend oder am Freitagnachmittag - seien nach wie vor Kapazitäten frei. Auch diese würden nun verstärkt genutzt. Man habe diesmal aber insgeheim noch mehr Erstsemester befürchtet und insofern sogar "noch ein wenig Glück gehabt", sagt Risch sogar. Die geplante "Zielzahl" von 2.800 bis 2.900 Erstsemestern, die "gerade noch zu verkraften ist", so Risch, sei jedenfalls ingesamt nicht überschritten.
"Wollen Sie wirklich den NC zurück?
Von einem "politischen Druck, mehr Studenten aufzunehmen", sprach Prof. Dr. Peter Sloane, Dekan der Wirtschaftswissenschaften. Dabei schaut die Uni-Leitung offenbar ganz besonders auf den Doppel-Abi Jahrgang, der 2013 die Unis stürmen wird. Bis dahin sollen die geplanten Bauprojekte spätestens vollendet sein. Sofortige Linderung - wie schon einmal - verspräche die Wiedereinführung von Zulassungsbeschränkungen per Numercus Clausus (NC). Diese wurden aber gerade erst zu diesem Wintersemester abgeschafft und werden als Hauptgrund für den Erstsemesterboom gesehen.
"Wollen Sie wirklich den NC zurück?", fragte denn auch Uni-Kanzler Plato die Studenten. Präsident Risch warb: "Wir haben die Beschränkungen abgeschafft, um niemand die Tür vor der Nase zuzuschlagen." Jedenfalls werden sich mit der Frage, ob im Januar fürs nächste Wintersemester neue NC-Hürden errichtet werden, nun die Uni-Gremien beschäftigen müssen.
Wie man schon mal Entlastungen im Mensabetrieb erreichen könne, dazu schlug Uni-Kanzler Plato einen Termin mit Studierenden und dem Studentenwerk schon für den heutigen Samstagmittag vor. "Vielleicht reicht es ja, wenn die Mensa bis 15 Uhr öffnet," meinte am Donnerstag ein Studierender.