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07.11.2009
PADERBORN
Druck auf Uni-Präsident Risch wächst
Ministerium fordert Stellungnahme der Universität / Staatsanwaltschaft prüft anonyme Anzeige
VON MARIUS GIESSMANN

Uni-Präsident Nikolaus Risch | FOTO: HANS-HERMANN IGGES

Paderborn. Es ist gut eine Woche her, dass Präsident Nikolaus Risch im voll besetzten Audimax vor laufenden Videokameras Rede und Antwort stehen musste. Antworten fordert jetzt auch das Innovationsministerium NRW. Die Frage: Wie sind die Studiengebühren 2008 verwendet worden? "Wir haben die öffentliche Diskussion verfolgt und die Hochschulleitung deshalb zu einer Stellungnahme aufgefordert", sagte ein Ministeriumssprecher. Schließlich sei die Hochschule rechenschaftspflichtig gegenüber dem Ministerium und gegenüber den Beitragszahlern. Deshalb wundere man sich auch über Nikolaus Rischs Begründung, die von den Studierenden eingeforderte Veröffentlichung des Verwendungsberichts müsse teuer anonymisiert werden. "Das hat uns schon etwas überrascht", so der Ministeriumssprecher, der die von Risch hierfür benannten Kosten in Höhe von 300.000 Euro nicht kommentieren wollte.

Staatsanwaltschaft prüft anonyme Anzeige

Überrascht waren am Donnerstagabend auch die etwa 100 Besucher des größten Hörsaals der Universität. Nachdem der Präsident seine Teilnahme an der Fortsetzung der Diskussionsveranstaltung abgesagt hatte, organisierte der AStA kurzerhand eine Vollversammlung der Studierenden. Die formulierte ein Forderungspaket an das Präsidium und setzte eine Frist bis zum 13. November. Sollte der Uni-Präsident bis dahin nicht zu den ausgearbeiteten Punkten Stellung nehmen, verlangt die Vollversammlung der Studierenden seinen Rücktritt. 

Das Uni-Präsidium begrüßte es gestern ausdrücklich, dass AStA und Fachschaften für Montag, 16. November, 20 Uhr, zu einer Podiumsdiskussion einladen. Dabei soll auch Uni-Vize-Präsidentin Prof. Dr. Dorothee Meister, die für Lehre, Studium und Qualitätsmanagement zuständig ist, Stellung nehmen.

Derzeit prüft die Staatsanwaltschaft Paderborn eine anonyme Strafanzeige, die gegen Nikolaus Risch vorliegt. Der Vorwurf: Veruntreuung von Studiengebühren. 

KOMMENTAR

Es regt sich zaghafter Widerstand in der Studierendenschaft

VON MARIUS GIESSMANN

Auch nach dem Ende der vierten Vorlesungswoche herrscht großes Durcheinander in der Paderborner Universität. Während sich die mit Netbooks reich beschenkten Erstsemester an volle Vorlesungen langsam gewöhnen, ringen die verschiedene Grüppchen versprengter Studierendenvertreter um eine gemeinsame Protesthaltung. Der Grund: Vielen vermeintlich ach so gebeutelten Studenten scheint der Ritt auf einer Revoltewelle, wie sie jetzt aus Österreich an zahlreiche deutsche Unis schwappt, viel zu anstrengend. 

Drastische Maßnahmen fordern die meisten lediglich in der digitalen Welt. So hat die erst vor zwei Wochen gegründete Diskussionsgruppe "Streik Uni Paderborn" in dem beliebten Sozialnetzwerk Studi-VZ mehr als 2.300 Mitglieder, die ausführlich über die Missstände der vergangenen Wochen diskutieren: Was ist mit unseren Studiengebühren passiert? Wann bekommen wir endlich genug Räume und warum werden die Sponsoren der Netbooks nicht genannt? Scheinbar alles Themen, die die Massen bewegen.

Wichtigstes Credo bleibt offensichtlich jedoch: der Aufwand für das Engagements darf nicht zu groß sein. Mühsam organisierte ein nach wochenlanger Schockstarre gebildeter Zusammenschluss von acht Fachschaften eine Unterschriftenaktion - und bekam mehr als viertausendfache Bestätigung. Doch nicht einmal ein Zehntel der Unterzeichner fühlte sich angesprochen, als dieselben Personen mit dem AStA zusammen am Donnerstagabend eine Vollversammlung der Studierenden einberief. 

"Macht ja nix", mag sich mancher denken, der die Veranstaltung daheim am Computer verfolgte - ganz bequem dank organisiertem Live-Stream. Dass die eingesetzte Hochtechnologie der Veranstaltung jegliche Exklusivität und damit auch Zuschauer raubte, ist nur eine traurige Randnotiz. AStA-Vorsitzender Sebastian Rose nannte die öffentliche Pressekonferenz mit Präsident Nikolaus Risch - eine Woche zuvor von mehr als tausend Zuschauern frenetisch gefeiert - eine "Farce". 

Eine Farce ist jedoch vielmehr, dass vielleicht zwei Dutzend Köpfe für eine bräsige Menge an der Universität Paderborn einen inhaltlich begründeten Widerstand organisieren. Schön, dass mit dem Landesministerium für Innovation und der Staatsanwaltschaft jetzt ein paar Köpfe dazu kommen. Vielleicht motiviert das den einen oder anderen, sich künftig für seine eigenen Belange auch selbst einzusetzen - fernab von trockenen Studieninhalten eine wichtige Lektion fürs Leben.







Mehr zum Thema in nw-news.de

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Kommentare
Eure unchristliche Einstellung zeigt mir doch, dass ich auf dem richtigen Weg bin... Der eine wirft mit Zitaten um sich und vergleicht die Uni Paderborn mit der französischen Revolution, der andere, der wahrscheinlich auch der eine ist neigt zum schwarz/weiß denken, immer im Hinterkopf, was sie sich für tolle Computerspiele zulegen werden, falls ein Teil der Studierengebühren zurückerstattet wird. Wie einst gesagt, ich mag euren Aktionismus, nur nicht für diese Sache. So macht es mich traurig mit anzusehen, wie ihr eure revolutionäre Energie im Kampf gegen Windmühlen verschwendet in einem System, welches keine Menschlichkeit kennt. Mögen ach soviele dafür gestorben sein. Und im übrigen studiere ich Theologie, auch wenn ich damit in euren Augen wieder an Glaubwürdigkeit verlieren werde, Stereotypen sei dank.

Ich bin der Ansicht, dass der Mister absolut recht mit seiner Analyse der Gegenwart hat. Alle, die zynisch argumentieren, argumentieren unbedarft. Es gibt gute Gründe dafür, auf die Straße oder in das Audimax zu gehen. Alle, die dagegen argumentieren, sind zyniker. Alle, denen es egal ist, sind unbedarft oder BWler. Dazwischen gibt es nichts. Wer Kulturwissenschaften studiert und Schiller gelesen hat, der kann nicht lesen, oder er sitzt im Audimax. Ich bin auch da. Und ich habe "nur" den Wiljhelm Tell gelesen.Allerdings sehr genau.

@Audimaxkakerlake: Offenbar bist Du nicht in der Lage, meinen Ausführungen auf einer Ebene jenseits der blanken Zynismus zu folgen. Möglicherweise begreifst du auch gar nicht die Zusammenhänge dessen, was ich schrieb. Natürlich leben wir nicht in tatsächlicher Freiheit. Sie bedeutete aber auch eine vitale Gefahr für das, was sich Individualismus nennt. Jeder Kampf um ein Stück mehr Freiheit bedeutete jedoch, historisch betrachtet, immer auch einen Kampf um eigene Interessen, wenn man so will um persönliches Vorankommen, das eng mit modernen Freiheitsvorstellungen verkoppelt ist. Als 1789 französische Bürger gegen den König auf die Straße gingen und Barrikaden errichteten, da ging es den meisten von ihnen zunächst in erster Linie darum, die Verschwendungssucht des absoluten Herrschers in die Schranken zu weisen. Sie hatten Hunger und waren empört darüber, dass das Mehl für ihr Brot in den Pomaden und Perrücken der Machthaber klebte. Aus dieser Empörung heraus brach sich eine Freiheitsidee bahn, die nicht unmitellbar realisierbar war. Aber in dem Moment, in dem sie kollektiv gedacht wurde, war sie bereits in den künftigen Diskurs des Kontinents eingeschreiben. Es gibt keine Aufklärung ohne Glücksversprechen. Der Prozess der Aufklärung muss sich auf etwas gründen, das auf die eingeborene Glückssuche in uns Menschen antwortet. Die Behauptung, dass wir an die Stelle der erkrankten instrumentell gewordenen Ratio lebendige, das ausgeschlossene Dritte einbeziehende Fragment, Keimlinge, Samen, Stechlinge – Du merkst, dass der Ausdruck fehlt, aber die Sache durchaus verständlich bleibt – setzen könnten, ist jedenfalls nicht auf etwas Unmögliches gerichtet. Uns bleibt gar nichts anderes übrig als diese Spur zu verfolgen, wenn wir überleben wollen. Wie macht man das praktisch? Offenbar hat das zu tun mit der Bauweise unserer Erfahrung. Erfahrungen macht jeder Mensch, aber ob er diese Erfahrungen mit Selbstbewusstsein verknüpfen kann, hängt davon ab, dass er die Erfahrung mit anderen teilt und abgleicht. Das ist eine Frage der Öffentlichkeit. Öffentlichkeit, so Adorno – und ebenso Kant in seiner Vorrede zur zweiten Kritik -, sind die Wohnungen und Städte, die unsere Erfahrung als Wohnsitz braucht. Das hat für Adorno mit einem seiner Hauptthemen zu tun, der Verschränkung von Inhalt und Form, der Kompetenz, einen Sachverhalt adäquat auszudrücken. Die Form, sagt er, erzeugt die Sache. Und die Sache regiert die Form. Vielfalt, Polyphonie und die Kategorie des Zusammenhangs (das Ganze ist das Unwahre, aber die Einzelheit ohne das Ganze ist ebenfalls nichts) ist keine Stilrichtung, sondern Bedingung für Emanzipation, Teilhabe und Stimmigkeit. Ich glaube nicht, dass Du, Deine zynische und distanzierte Lebenshaltung betrachtend, in der Lage bist, zu begreifen, was ich hier formuliere.

@Michael Das Leben ist schon hart wenn man alleine an der Front steht und der Rest aus der Entfernung mit dem Fernrohr guckt was passiert. ... ... Ich liebe mein Fernrohr! ... Ich lass doch liebere andere ihre Zeit für eine sinnvolle Idee ohne Aussicht auf Erfolg vergeuden.

@Michael Schön, dass Du überhaupt in der Lage bist, meinen Grundgedanken nachzuvollziehen, allerdings handele ich aus genau dem von Dir genannten Grund so. "Es waren Menschen, die ihre Prioritäten zu ungunsten ihres persönlichen Fortkommens geändert haben". Ein schöner Kommentar. Nunja, hier geht es größtenteils um das eigene persönliche Vorankommen, Studiengebühren und Platz- Das sind doch alles nichtige Probleme, die die Welt mit der Zeit verschluckt. Interessiert es in 200 Jahren denn noch wen, ob wir damals Studiengebühren hatten ? Nein. Wir können was bewegen, aber ich glaube man muss woanders ansetzen. "... , die dafür gesorgt haben, dass wir in Freiheit leben können." Genau aus dem Grund können wir leider nicht auf einen Nenner kommen, ich bin nicht der Meinung in Freiheit zu leben. Die Anfänge sind gesetzt, unseren Vorfahren sei Dank, da hast Du Recht, aber am System scheint etwas nicht zu stimmen, was man wunderbar daran erkennen kann, dass solche Probleme wie hier in Paderborn überall und jederzeit wieder auftreten. Die Ursache scheint also nicht erreicht zu werden, weil zu wenige tief genug denken und diejenigen die es tun, irgendwann einsehen, dass man andere davon nicht überzeugen kann, bzw. es unnütz ist. Die Gedanken sind frei.



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