Paderborn. Am Ende der zweiten Diskussionsveranstaltung an der Universität Paderborn sind die Fronten klar: Fachschaftsvertreter fordern die Zusicherung verbindlicher Veranstaltungsgrößen, eine Gruppe von Protestlern schimpft über mangelnde Transparenz und Mitbestimmung und das Präsidium beschwört die Anwesenden, gemeinsam für die Belange der Hochschule zu kämpfen – gegen die Landesregierung.
Als die Fragestunde für die mehr als 500 Studierenden eröffnet wird, bekommt die zuvor viel geäußerte Vokabel "Kampf" für einen kurzen Augenblick plastische Gestalt. "Was halten Sie davon, wenn wir die Uni für einen Tag schließen?", fragt ein Student Präsident Nikolaus Risch, "dann fahren wir gemeinsam nach Düsseldorf, um zu protestieren."
Auf den Jubel folgt gespannte Stille. Risch sammelt sich, beugt sich mit seinem zum Markenzeichen gewordenen Lächeln im Zeitlupentempo zum Tischmikrofon hinab und verkündet die wichtigste Lektion des Abends: "Das finde ich spannend. An der Uni, an der ich vor 20 Jahren war, ist das gemacht worden – ohne Erfolg." Jürgen Plato beerdigt den forschen Vorstoß schließlich mit den Worten: "Wir können jetzt nicht nach Düsseldorf laufen, weil wir zusätzlich Studenten aufgenommen haben." Die Verabschiedung des Hochschulpaktes habe dieses Vorgehen erzwungen, erklärt der Kanzler weiter.
Aus Sorge, sonst einen Teil der bereits in Personal und Baumaßnahmen investierten 5,4 Millionen Euro an Landesmitteln zurückzahlen zu müssen, habe man ganz bewusst 2.850 Erstsemestern die Einschreibung ermöglicht.
Erst jetzt wisse man, dass hieraus unhaltbare Zustände erwachsen sind. "So wie es jetzt ist, kann es sich kommendes Wintersemester nicht wiederholen", sagt er und erntet lautstarken Applaus. Wiederholen wird sich womöglich auch die umstrittene Netbookaktion nicht. Wie nachhaltig die "Befindlichkeit der Studierenden" dadurch beeinflusst worden sei, habe man unterschätzt, gibt Risch zu – und die Schuld ab. Die freien Drittmittel könnten die Professoren schließlich ganz nach ihrem Ermessen einsetzen. Risch: "Das steht nicht in der Gewalt der Hochschulleitung."
Anders verhält es sich mit einer wissenschaftlichen Studie, die seiner Aussage nach vom Präsidium in Auftrag gegeben worden ist und in den kommenden Tagen veröffentlicht werden soll. Dessen Ergebnis: Die Netbooks sind eine gute Investition in die Qualität der Lehre.
KOMMENTAR
VON MARIUS GIESSMANN
Die Zeit glättet alle Wogen
In der ganzen Republik steigen zehntausende Studierende auf die Barrikaden, nicht so in Paderborn. Hier lautet die erste Studentenpflicht: "Ruhe bewahren." Wer reichlich Studiengebühren zahlt, will schließlich schnell fertig werden und viel Geld verdienen.
Da kümmert es wenig, wenn unklar bleibt, wofür die 500 Euro pro Semester eigentlich ausgegeben werden – ein Obolus an die herrschende Schicht erscheint Studierenden der Universität der Ellenbogengesellschaft nur logisch. Zwischenrufer, die Transparenz und Mitbestimmung einfordern, werden stattdessen mit einem peinlich
berührten Kopfschütteln abgestraft.
"Alles Mumpitz", denkt sich der karriereorientierte Paderborner Durchschnittsstudent. Ihn ärgert eher, wenn er in seiner Wunschveranstaltung keinen gepolsterten Sitzplatz oder für sein Auto keinen Parkplatz in Uni-Sichtweite findet. Deshalb reizen ihn dröge Podiumsdiskussionen zu Details der Überbelegungs-Situation denn auch mehr als die Lagerfeuerromantik der versprengten Protestler. Kein
Wunder! Denn die Revoluzzer durchschauen das Seelenleben ihrer Kommilitonen leider deutlich schlechter als das große Schlichter-Duo Risch und Plato. Die beiden bespielen die vor lauter Harmoniesucht handlungsunfähige Menge ähnlich gekonnt wie zwei Alleinunterhalter eine volltrunkene Hochzeitsgesellschaft.
"Ein echter Fan steht zu seiner Mannschaft, auch in schlechten Zeiten", traut sich ein Uni-Präsident vor fast 500 verärgerten Studierenden nur dann zu sagen, wenn er sich einer Sache ganz sicher ist: Die Zeit glättet alle Wogen. Recht hat er. Schlimmstenfalls müssen noch einmal sechs Wochen voll organisierter Desinformation vergehen, dann ist das Problem überwunden. Dann hat auch der letzte Paderborner Student keine Lust mehr, hartnäckig nachzufragen.