Paderborn. Es herrscht angestrengtes Schweigen im Audimax. Ein Dozent läuft mit einem Mikrofon in der Hand durch die Reihen. 800 Wirtschaftswissenschaftler kleben an seinen Lippen, während er über Shareholder-Value referiert. Das Plakat mit der Aufschrift "Universität der Verschleierungsgesellschaft" beachtet er dabei nicht.
Wenige Schritte weiter: eine andere Welt. Hinter der Wand, die das Foyer vom Audimax trennt, hocken 15 junge Leute auf Stühlen. Auf dem Boden liegen Schlafsäcke. "Ich habe in dieser Woche nur 2,5 Stunden geschlafen", erzählt Christoph Husemann, Mitorganisator der Besetzung des Audimax-Foyers. Auf der anderen Seite läuft die Vorlesung "BWL A für IBS". Der Mann mit dem Mikrofon referiert darüber, wie man ein Unternehmen attraktiv für Investitionen macht. Drei Studenten verlassen vorzeitig die Vorlesung, würdigen die Besetzer keines Blickes.
"Bis vor kurzer Zeit hatten wir noch Angst, dass wir räumen müssen – zumindest für diesen Abend", erzählt Husemann . Natürlich werde man nicht gehen. Außerdem habe das Präsidium diese Forderung mittlerweile zurück genommen. Gründe für die Räumungsforderung sehen die Besetzer nicht. "Wir sind friedlich", sagt eine Studentin.
Vier Stunden später im Hörsaal G. Nur 15 Studenten sind der Einladung der Hochschulleitung gefolgt, um über Paul zu diskutieren.
Das Campusorganisationssystem läuft auch im zweiten Semester nicht ganz rund: "Noch sind nicht alle Funktionen von Paul nutzbar", gibt Projektleiter Prof. Dr. Wilfried Hauenschild zu. Man sei noch mit der Übertragung der Daten vom alten in das neue System beschäftigt. Ab Juni 2010 rechnet er damit, dass das Programm voll funktionsfähig ist. Insgesamt sieht er zur Einführung keine Alternative: "Ohne Paul müsste man wesentlich mehr Geld für Verwaltungsaufgaben ausgeben."
Kanzler Jürgen Plato erkennt noch einen Vorteil: Die Einführung des Systems vermittele das öffentliche Bild, dass man "von einer ganz modernen Hochschule" komme. Ein Student wollte es dann genau wissen. Er fragte nach, in welcher Höhe die Firma Datenlotsen, die Paul entwickelt, Geld für die Anschaffung der umstrittenen Netbooks spendete. "9.999 Euro", gibt Plato zurück. Dann sagte er, an den Nachfrager gerichtet: "Sie können es nicht lassen." Er als Kanzler glaube nicht, dass man die "alten Gerüchte" ständig wiederholen müsse. Studenten werfen der Hochschulleitung vor, dass sie die Spendengelder nicht für sinnvolle Dinge ausgegeben hat.
Zwei Stunden später. Im Bibliotheksfoyer beginnt die IBS-Party. Davor gröhlen angetrunkene Studenten "feiern, feiern". Im Audimax herrscht indes angestrengte Arbeitsatmosphäre. Es geht nicht um Shareholder-Value: "Wir sind frustriert über die Politik des Landes und der Hochschulleitung", sagt Holger Leydecker. Zum Plenum sind 40 Besetzer gekommen. "Wir fordern angemessene Transparenz und demokratische Strukturen", erklärt eine junge Frau. Dann kommt ein Student mit einer Terrine Suppe ins Audimax. Den Besetzern wurde angeboten, sich am Buffet einer Feierstunde der Anglistik zu bedienen. Die Schlemmerei ist eine willkommene Abwechslung: "Das tut gut – es wird noch eine lange Nacht."