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11.12.2009
PADERBORN
Die Stille nach dem Schock
Der Tod von Lennart-Rüdiger N. (13) entfacht die Debatte um die Verkehrssicherheit von Radfahrern neu
VON HOLGER KOSBAB

Trauer um den toten Mitschüler | FOTO: REINHARD ROHLF

Paderborn. Die Schüler des Pelizaeus-Gymnasiums können es nicht fassen. Bedrückt stehen sie um den mit Kerzen, Rosen und Briefen bedeckten Tisch im C-Gebäude. Mittendrin liegt ein Foto, es zeigt Lennart-Rüdiger N. Der 13-Jährige war am Mittwochmittag auf dem Heimweg von der Schule mit seinem Fahrrad an der Ecke Busdorfwall/Kasseler Straße von einem Lkw-Fahrer überfahren worden.

Gestern Morgen waren Notfallseelsorger bei Schülern und Eltern in der Klasse 7g des Pelizaeus-Gymnasiums. Die Klasse sei zum Dom gegangen, um Kerzen anzuzünden, sagt Leiter Antonius Steins. In den nächsten Tagen werde man genau schauen, wie man den Mitschülern in der Trauer helfen könne, so Steins. In jedem Fall werde es einen Gedenkgottesdienst geben.

Der Tod des 13-Jährigen entfacht dabei neuerlich die Debatte um die Gefährlichkeit einiger Kreuzungsbereiche, die von vielen Paderbornern schon seit Jahren angeprangert wird.

"Dem Lkw-Fahrer ist grundsätzlich kein Vorwurf zu machen", sagt Martin Zischler, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (Kreisverband Paderborn). "Die Stelle ist einfach unübersichtlich." Autofahrer müssten beim Abbiegen auf Fußgänger und Radfahrer von vorn und hinten achten, die gleichzeitig Grün haben. Hinzu komme die Wallbepflanzung, hinter der Radler erst spät sichtbar würden. Zischler fährt jeden Tag mit dem Rad hier lang und habe "selbst schon viele Beinahe-Unfälle erlebt".

Eine vergleichbare Stelle sei das Gierstor, wo vor allem mittags bei jeder Ampelschaltung Dutzende Schüler die Straße überqueren. Auch hier hat der Autoverkehr auf der Driburger Straße, Radfahrer und Fußgänger zugleich Grün. Zischler schlägt vor, sich einmal nur fünf Minuten an die beiden Kreuzungen zu stellen. Man sehe, dass Autofahrer immer wieder Radfahrer oder Fußgänger gefährden.

Am Gierstor ist dies besonders der Fall, weil der Radweg erst kurz vor der Ampel farblich rot gekennzeichnet ist und einzelne Radler von einem im Kreuzungsbereich wartenden Autofahrer kaum wahrgenommen werden. So sollen mehrere Lehrer des Pelizaeus-Gymnasiums der Stadt geschrieben und sich über die Gefahren beschwert haben. Zischler hat die Stadt schon im Jahr 2003 auf dieses Gefährdungspotenzial aufmerksam gemacht. Danach gab es Gespräche mit Polizei, Vertretern des Pelizaeus- und Reismann-Gymnasiums sowie der Arbeitsgruppe Radverkehrssicherheit. Er habe der für die Schaltung zuständigen Stadt Paderborn eine andere Schaltung vorgeschlagen, bei der Rechtsabbieger separat Grün haben. Als Antwort habe man ihm gesagt, dass dann nicht genügend Fahrzeuge durchkämen. "Das heißt: Der Autoverkehr hat Vorrang vor der Sicherheit", sagt Zischler.

Die bestehende Schaltung am Busdorfwall entspreche geltenden Normen, so Jens Reinhardt, Sprecher der Stadt Paderborn. Sie gibt Radfahrern einen Vorlauf – beim NW-Test waren dies 2 bis 50 Sekunden –, ehe der Kraftverkehr zugeschaltet werde. Auch sei die Einmündung am Busdorfwall in den zurückliegenden Jahren keine Unfallhäufungsstelle gewesen. Beim Gierstor habe eine Unfallkommission dagegen "Veränderungen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit" mit veränderter Radwegeführung beschlossen, so Reinhardt.

Unter Schock steht der 43-jährige Kraftfahrer, der den Jungen gegen 13.10 Uhr mit seinem Lkw übersehen hat. Vertreten wird er von Anwalt Jost Ferlings. "Mein Mandant ist völlig fertig, es tut ihm unendlich leid", sagt Ferlings. Er geht davon aus, dass zur Klärung der Schuldfrage ein Gutachten erstellt wird. Gegen den Lkw-Fahrer wird wie in jedem vergleichbaren Fall ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Sei es klar, dass für beide Grün war, die Sichtverhältnisse stimmten und es Zeugen gibt, die das Geschehen schildern, sehe Oberstaatsanwalt Horst Rürup "keine Notwendigkeit für ein Gutachten", so seine vorläufige Einschätzung.

Wie die juristische Einschätzung auch ausfallen wird. Lennart-Rüdiger N. macht es nicht wieder lebendig. "Steh nicht an meinem Grab mit verweintem Gesicht, ich bin das – ich schlafe nicht", schreibt seine Familie an der Unfallstelle. Und endet Trost gebend: "Steh nicht am Grab in verzweifelter Not, ich bin da – ich bin nicht tot!"


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