Manche Bewohner fühlen sich hier wohl, andere wollen wieder weg: Leben im sozialen Brennpunkt
Paderborn-Schloß Neuhaus. Hier auf dem Wilhelmsberg ist Francesca T. (ihr Name ist wie alle geändert) eine Ausnahme. Zum Gymnasium wie sie geht hier nur eine Handvoll Schüler. Die meisten besuchen die Haupt- oder Sonderschule. Denn die 18-jährige Francesca lebt in der Siedlung am Wilhelmsberg in Schloß Neuhaus. Manchen kennen die Hochhäuser als Legoland. Für viele ist es schlicht und einfach ein sozialer Brennpunkt.
Vor fünf Jahren ist die Aramäerin Francesca hierher gezogen, mit ihrer Mutter und vier Geschwistern. "Ich kannte es gar nicht mit so vielen Leuten so eng zusammen zu wohnen", sagt sie. Zu Beginn hatte sie selbst Vorurteile, die sich zum Teil auch bestätigt haben. Es sei laut, die Wände kämen ihr vor, als seien sie aus Pappe, die Wohnung gefalle ihr nicht so gut und die Räume seien so klein. Da sie selbst eher wie eine Deutsche denke, findet sie das Zusammenleben mit so vielen anderen Ausländern schwierig. Auch ihre Mutter sei ganz anders. Mentalitätsunterschiede der unterschiedlichen Nationalitäten verhinderten ihre Integration. Auch ihr selbst gegenüber würden Vorurteile entgegen gebracht wie "Gymnasiastin, Streberin".
"Wenn ich mein Abitur habe, dann möchte ich in eine andere Stadt ziehen", sagt Francesca. Das einzige Positive am Wilhelmsberg ist für die junge Frau die Beratungsstelle von Arbeiterwohlfahrt und Diakonie.
Anna Regenbrecht ist eine von drei Kräften, die sich um die Probleme der Bewohner kümmert. Mit Doris Witte und Hermann Herzberg sitzt sie einer 83 Quadratmeter großen Beratungsstelle im Erdgeschoss von Haus Nummer 18. Mit welchen Problemen sie tagein, tagaus zu tun hat? Unter anderem Kriminalität, Spiel- oder Drogensucht – auch wenn die Tendenz hier abnehmend ist. "Sie sehen die Junkies nicht mehr vor der Haustür", sagt Regenbrecht. "Aber wenn Familien erwerbslos sind und die auf engstem Raum zusammenleben, da gibt es natürlich Probleme." Ein Schwerpunkt ist die Hilfe beim Ausfüllen von Formularen. "Alle wissen: Bei uns kann man den Papierkram machen und auch noch persönliche Fragen und Anliegen besprechen", sagt Regenbrecht. Und sie kennt viele Familien aus den Häusertürmen – mit ihren Geschichten.
Auch die von Olga M. (61). Sie lebt mit allein mit ihrer Mutter in einer Eigentumswohnung. Bereits seit 1990 wohnt die aus Kasachstan stammende Frau hier. Sie war ihrer Schwester nach Schloß Neuhaus gefolgt. "Ich mag es nicht, allein zu sein", sagt sie und fühlt sich am Wilhelmsberg wohl. Dabei hat sie ein ordentliches Päckchen zu schultern. Seit sechs Jahren ist ihre Mutter gelähmt. Olga M. füttert sie, wäscht sie, macht einfach alles. "Schluckreiz, Atmung und Herzschlag sind das einzige was funktioniert", sagt sie ohne jede Spur von Belastung. Geduld ist eine ihrer Stärken, darauf setzt sie auch in der Zukunft. Und sie hofft auf Gesundheit. Bei der Pflege ihrer Mutter unterstützt sie ihre Schwiegertochter Tatjana S. (32), ebenfalls aus Kasachstan. Zusammen sind sie ein gutes Pflegeteam. Ohne die beiden wäre die 95-Jährige längst tot, ist Regenbrecht überzeugt.Auch Mira F. (38) kümmert sich viel um ihre Mutter. Die an Diabetes leidende Frau hat bereits einen Zeh verloren und Mira F. hilft, so viel sie kann. Sie ist 1979 mit ihrer Familie aus dem Libanon gekommen – als politischer Flüchtling. Seit 20 Jahren ist sie deutsche Staatsbürgerin. Sie versteht die deutsche und die arabische Mentalität und versucht aus beiden das Beste zu ziehen. Für ihre Kinder wünscht sie sich, dass sie eine bessere Bildung bekommen als sie. "Ich war in der Hauptschule und habe sie abgebrochen, als ich mit meinen Eltern Probleme hatte", sagt sie und würde gerne etwas nachholen. "Ich möchte, dass meine Kinder das erreichen, was ich damals nicht konnte."
Seit 1988 lebt Mira F. mit Unterbrechungen im Süden von Schloß Neuhaus. Für sie steht fest: "Ob man auf dem Wilhelmsberg wohnt oder nicht – es liegt an einem selbst, was man erreichen möchte und kann." Ihre Eltern sind beide Analphabeten. Zwei ihrer vier Kinder gehen aufs Gymnasium, worauf sie sehr stolz ist: "Ich würde keinen Elternsprechtag verpassen."
Als einmal eine Frau mitbekommen hatte, dass sie auf dem Wilhelmsberg wohne, habe sich Mira F. regelrecht verteidigen müssen, warum sie hier lebe. Die Siedlung habe zwar einen schlechten Ruf, weiß auch die 38-Jährige, aber genauso sieht sie das Bemühen vieler Bewohner, es sich schöner zu machen. Früher waren die Bäume hier mit Stacheldraht umwickelt und überall lag Müll herum. "Ich kann auch einen schönen Garten haben und mich nicht wohlfühlen. Wohlfühlen muss ich mich in meiner Wohnung", sagt sie. "Wer hier einzieht, der muss etwas daraus machen." Zugleich müsse sie keine Angst um ihre Kinder haben, wenn sie draußen spielten. "Die werden hier immer beobachtet", sagt sie und vertraut der Gemeinschaft.
Auch wenn die 83-Quadratmeter-Wohnung für ihre sechsköpfige Familie klein und falsch geschnitten sei, so ist dies ihr Leben. "Wir kennen es nicht anders", meint sie. Ihre Eltern, ihre Tante und viele libanesische Bekannte leben in den anderen Häusern. Gemeinsam habe man das Bestreben, "daraus etwas Schönes und Gutes zu machen".
Dies wollte auch die 50-jährige Ayse P., als sie vor fünf Jahren an den Wilhelmsberg zog. Hier lebt sie mit ihren fünf Kindern sowie ihrem Partner und dessen zwei Kindern auf 97 Quadratmetern. Ein Sohn arbeitet, die anderen gehen noch zur Schule.
Doch sie wird demnächst zurückkehren nach Eppingen in die Nähe Heilbronn, dorthin, von wo sie vor fünf Jahren nach Schloß Neuhaus gekommen ist. Eine Wohnung mit Schimmel, kaputten Fliesen, Lärm und Silberfischen sei eine Sache, eine andere die trüben Aussichten für ihre Kinder. Sie sieht hier "keine Perspektive" mehr. "In Heilbronn gibt es mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze", ist sie überzeugt. Und will nur weg vom Wilhelmsberg.