Delbrück. "Da rast ein Wildschwein durchs Haus": In der ostwestfälischen Narrenhochburg Delbrück (Kreis Paderborn) können die Jecken den bekannten Gassenhauer "Da steht ein Pferd auf dem Flur" mit einem eigenen, neuen Refrain schmettern. Das Delbrücker Ehepaar Birgit und Reinhard Strunz ist sich sicher: "Damit landen wir garantiert in der Karnevalszeitung."
Am Sonntagmittag – sie saßen gerade in der Küche – hörten sie einen gewaltigen Knall und schreckten hoch. Der Blick ins Esszimmer verschlug ihnen die Sprache. Ein Wildschwein war durch die verschlossene, doppelt verglaste Terrassentür gesprungen, knallte an die gegenüberliegende Zimmerwand und gegen einen Schrank, machte eine Kehrtwende und raste wieder raus durch die zersplitterte Tür.
"Wir konnten erst gar nicht begreifen, was wir da gesehen hatten", berichtete Birgit Strunz. "Überall lagen Scherben. Der Boden, die Wand, der Schrank – alles war voll gespritzt mit Blut. Und es roch wie beim Schlachten." Das Ehepaar lebt mit seinen beiden Söhnen im dicht bewohnten Siedlungsgebiet Benslips Kamp. Der Garten grenzt an die Lipplinger Straße.
"Warum raste das Wildschwein ausgerechnet bei uns ins Esszimmer?", fragte sich Reinhard Strunz. "Zum Glück waren die anderen Zimmertüren zu. Das wild gewordene Tier verwüstete keine weiteren Räume. Wir konnten noch sehen, wie es draußen im Garten durch eine Lücke neben dem Carport in Richtung Lipplinger Straße verschwand."
Der Familienvater griff zum Telefon und erreichte einen zuständigen Jäger. Schnell fanden sich Bernhard Kückmann, Hartwig Tanger und Georg Sander am Tatort ein. Es folgten Josef Sander und Heinz Jüde, die Pächter der Jagdgenossenschaft Delbrück 20.
Tier entwischt den Jägern
Josef Sander ist Vorsitzender des landwirtschaftlichen Ortsvereins und Vize-Stadtverbandsvorsitzender. Im Gespräch mit der NW berichtete er von dem Versuch der heimischen Jäger, das Wildschwein zu stellen: "Wir sind der Blutspur im weißen Schnee bis zum Busch neben dem Valepagenhof gefolgt. Dort ist uns das Tier entwischt in Richtung Ostenland und Senne."
"Wildschweine sind im Delbrücker Land nicht heimisch", erläuterte er die Erfahrungen der Jäger. "Sie kommen meistens aus der verkehrsarmen, ruhigen Senne, wo sie in den Waldgebieten die nötige Deckung finden. Bei uns rennen sie häufig wie wild durch die Gegend, irritiert von Menschen, Autos, Zäunen und anderen ungewohnten Gegebenheiten."
Am Sonntag waren mehrere Tiere unterwegs, wie mehrere Landwirte und Jäger berichteten. Wahrscheinlich waren sie wegen der Schneedichte auf Futtersuche. Das ist auch der Grund für die ungewöhnliche Tageszeit.
Sander weiter: "Der ungebetene Gast im Esszimmer der Delbrücker Familie wird wohl ein Überläufer gewesen sein. Die Wildschweine machen sich in jedem Jahr auf den Weg von der Senne in den Teutoburger Wald und wieder zurück. Mais und Kartoffeln locken wie ein Schlaraffenland." Der erfahrene Jäger erinnert noch einmal alle Autofahrer daran, dass die Schäden, die bei Wildunfällen entstehen, nur dann von der Versicherung bezahlt werden, wenn die Halter eine Teil- oder Vollkasko abgeschlossen haben.