Kurz vor dem Ruin: Altes Paderborner Familienunternehmen holt sich Hilfe vom Fernsehen
Paderborn. Andreas und Annette Hermisch sind fix und fertig. Hinter dem Bäckermeister und seiner Mutter liegt eine anstrengende Zeit: Ein Fernsehteam von Pro7 hat beide mit der Kamera beim Tages- und Nachtgeschäft in der Backstube begleitet. Und den 100 Jahre alten Familienbetrieb im Zuge der Doku-Soap "Die Jobretter" vollkommen umgekrempelt.
Prüfend betrachtet Berater Thomas Pollmeier, Geschäftsführer der Lechtermann-Pollmeier-Bäckereien, die Warenregale der Bäckerei Hermisch. Auf ihnen reihen sich Brote von gestern zum halben Preis. "Und wo sind Eure Brötchen?", fragt der Fachmann aus Bielefeld seinen jungen Kollegen Andreas Hermisch. "Die dürft Ihr doch nicht verstecken! Die sind Eure große Stärke!" Hermisch und seine Mutter nicken nachdenklich und erklären sich bereit, das alte Kaffeeregal auf dem Tresen zu entsorgen. An seine Stelle treten rustikale Weidekörbe, in denen sich die goldbraunen Backwaren fortan türmen werden. Andreas Hermisch ist begeistert: "Das sieht wirklich super aus!"
Auch Realisator Andreas Birkenheier und sein Filmteam sind zufrieden. Ihnen geht es allerdings weniger um die Dekoration des Tresens als um die Qualität der Szene, die den Zuschauern später begreiflich machen soll, woran es im Unternehmen Hermisch krankt. Weil das dem jungen Bäcker und seiner Mutter selbst nicht klar war, haben sie sich an den Sender gewandt.
Denn die "Jobretter" helfen Betrieben, die vor dem Aus stehen. "So schlimm stand es nicht um uns", sagt Andreas Hermisch. "Aber lange hätte es nicht mehr gedauert." Der 22-Jährige gehört zu den jüngsten selbstständigen Bäckern Nordrhein-Westfalens, übernahm den Betrieb im vergangenen Jahr von seiner Mutter. Seine erste Amtshandlung: die Renovierung der Verkaufsräume. "Danach hatten wir zwar mehr neue Kunden, aber wir kamen zum Monatsende trotzdem nie auf einen grünen Zweig."
Gemeinsam mit Thomas Pollmeier, der 35 Bäcker- und Coffeeshop-Filialen betreibt, analysiert der junge Mann seinen Betrieb nun von vorne bis hinten. Bald ist klar: Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht. Sechs Schulen beliefert die Bäckerei – "und die Teilchen, die ihr rausgebt, sind zu groß für den Preis", stellt Pollmeier fest. Außerdem bemängelt er, dass der Pudding in den Backwaren ein Fertigprodukt ist. "Den müsst Ihr selbst herstellen."
Andreas Hermisch stellt sich dem Urteil, hört aufmerksam zu. Die Kritik anzunehmen, fällt ihm nicht schwer. "Zum einen ist sie nett verpackt – zum anderen hat Herr Pollmeier einfach recht." Erleichtert ist der 22-Jährige nach der ersten Bestandsaufnahme dennoch. Denn er hat auch viel Lob bekommen, für die Qualität seiner Backwaren zum Beispiel und die hygienischen Bedingungen im Betrieb.
Mittlerweile ist dem jungen Bäcker die Erschöpfung deutlich anzusehen. Normalerweise legt er sich um 21 Uhr schlafen, steht ab 0.30 Uhr in der Backstube und geht um zehn Uhr morgens erneut für ein paar Stunden ins Bett. Die Anforderungen des Drehs bringen diesen Rhythmus durcheinander.
Heute sind Andreas Hermisch tagsüber nur 50 Minuten Schlaf vergönnt: Er muss mit dem Filmteam zum Baumarkt fahren, Holzbohlen, Stühle und Tische für die neue Terrasse vor der Bäckerei kaufen. An einem anderen Nachmittag wandert er mit Bauchladen, Prospekten und Megafon durch die Fußgängerzone Paderborns und kündigt die Neueröffnung seines Betriebes an. So ganz geheuer sind dem bescheidenen Jungunternehmer die Aktionen alle nicht – "aber es ist Werbung und die können wir gut gebrauchen."
Nach vier Tagen packen die Jungs vom Fernsehen schließlich ihre Ausrüstung ein, es geht zurück nach Köln. In der Bäckerei läuft gerade die Neueröffnung, Freunde und Stammkunden der Familie sind gekommen. Das Filmteam schüttelt zur Verabschiedung viele Hände und blickt in erleichterte Gesichter. Auch Mutter Hermisch ist glücklich – und steckt Kameramann Holger Rogge und Set-Assistent Hans Rutrecht schnell noch ein paar belegte Brötchen zu. "Nicht, dass mir einer hungrig geht."
Andreas Hermisch blickt hoffnungsvoll in die Zukunft, für ihn hat sich das anstrengende Filmprojekt schon jetzt gelohnt. "Nur meine Schwester Dorothee macht sich noch Sorgen", sagt er und lacht. "Die hat Angst, dass wir nach der Ausstrahlung mit irgendeinem Satz bei Stefan Raab oder in den O-Ton-Charts von Eins-Live landen."